Wie die Sportvereine Nordbadens Flüchtlinge aufnehmen

Zum Beispiel Abdoulie Njie: Er ist aus Gambia ist übers Mittelmeer nach Deutschland geflohen und spielt jetzt Rugby in Heidelberg

11.11.2016 UPDATE: 12.11.2016 06:00 Uhr 2 Minuten, 40 Sekunden

Ein neuer Riese in der Rugby-Bundesliga: Abdoulie Njie ist kaum zu bremsen. Fotos: F&S

Von Claus-Peter Bach

Heidelberg. Sie schwimmen beim SV Nikar Heidelberg. Sie spielen Fußball bei der FG Rohrbach, dem TSV Pfaffengrund und VfB Eberbach. Sie ringen beim AC Germania Ziegelhausen. Sie spielen Handball bei der SG Kirchheim. Sie kämpfen beim Heidelberger Judo-Club. Sie werfen die Frisbee-Scheibe bei der TSG 78 Heidelberg. Sie klettern beim Deutschen Alpen-Verein. Sie üben sich im Rollstuhlsport bei der RSG Schlierbach. Und sie üben die brasilianische Kampfkunst bei Capoeira Heidelberg.

Diese Auflistung von Sportvereinen, die Flüchtlinge aus den Elendsregionen der Welt in die nordbadische Gesellschaft integrieren, ist sehr unvollständig, aber sie deutet die Bandbreite der sportlichen Aktivitäten an, die Vereine des Sportkreises Heidelberg für die integrationswilligen neuen Bürger anbieten. "Die Bemühungen der Menschen in unseren Vereinen, die jungen Flüchtlinge aufzunehmen und in ihre Sportgruppen zu integrieren, begeistert mich Tag für Tag", sagt Ramachandra Aithal, der Koordinator "Sport und Flüchtlinge" im Sportkreis-Vorstand. Natürlich steckt in diesen Bemühungen auch das Interesse der Vereine, neue und leistungsstarke Sportlerinnen und Sportler für ihre Wettkampfmannschaften zu gewinnen. Aufgrund der Alterung der deutschen Gesellschaft und damit der Vereinsmitglieder sind nicht wenige Vereine gezwungen, Wettkampfgemeinschaften mit - früher oft "verfeindeten" - Nachbarklubs zu bilden, um überhaupt noch am Spielbetrieb teilnehmen zu können. Da ist es schon günstig, wenn unter den Flüchtlingen plötzlich ein gut ausgebildeter Ringer aus Syrien, ein kräftiger Gewichtheber aus Afghanistan, ein wieselflinker Fußballer aus Tunesien oder ein talentierter Rugbyspieler aus Gambia den Finger streckt und sagt: "Ich will gerne bei Euch mitmachen!"

Rama Aithal (53), der vor 46 Jahren mit seinen Eltern aus Indien nach Heidelberg gekommen war, ist im Ehrenamt nicht nur für den Sportkreis tätig, sondern seit vielen Jahren auch als Sportvorstand beim Rugby-Bundesligaverein Sportclub Neuenheim, wo seit März dieses Jahres der 27-jährige Abdoulie Njie um einen Stammplatz in der ersten Mannschaft kämpft. Mit Erfolg: Beim Saisonauftakt gegen den deutschen Vizemeister Heidelberger Ruderklub durfte der 2,01 Meter große und 125 Kilogramm schwere Stürmer, der mit 17 zwei Jahre lang Klubrugby in der senegalesischen Hauptstadt Dakar ausprobiert hatte, zwei Minuten lang Bundesliga-Luft schnuppern, doch schon im fünften Punktespiel gegen den RK Heusenstamm war er über die vollen 80 Minuten im Team und hat sogar seinen ersten Versuch zum 31:11-Sieg beigetragen.

Abdoulie Njie ist im Senegal geboren, lebte aber mit seiner Familie in der gambischen Hauptstadt Banjul, wo er nach dem Abitur ein IT-Studium begonnen hat. "Um ein besseres Leben zu haben", wagte er die beschwerliche Busreise über den Senegal, Mali, Burkina Faso und Niger nach Libyen, ehe er mit einem Boot das Mittelmeer überquerte und in Sizilien landete. Nach drei Tagen in Italien kam er zunächst bei seinem Cousin Soulejman in Frankreich unter, ehe er im Dezember 2015 mit dem Zug nach Hannover zu seinem Cousin Momar weiterzog. Im Zuge des Asylverfahrens wurde der fließend Englisch und Französisch sprechende Mann in ein Asylantenheim in Oftersheim eingewiesen und von einem Rugbyspieler entdeckt, der dort an der Essensausgabe jobbte.

Willians Portillo, ebenso riesig wie Abdoulie Njie, achtete darauf, dass die Portionen nicht zu klein ausfielen und machte den Neuankömmling mit Spielmacher Tomás van Gelderen vom SCN bekannt, der sich gemeinsam mit Rama Aithal um alle Aspekte der Integration kümmert. Njie wohnt nun in einer Drei-Asylanten-Wohnung in Hockenheim, trainiert und spielt beim SCN, betreut eine Schülermannschaft und übernachtet manchmal auch in einem Spielerappartment im Klubhaus - besonders dann, wenn die Teambesprechungen mal etwas länger gedauert haben. Dabei ist Njie konsequent: Als Mensch muslimischen Glaubens verschmäht er Bier und Wein, beweist aber bei den gelegentlichen Siegesfeiern, dass man auch ohne Alkohol fröhlich sein kann.

Zu Mutter Kine Cissé, Vater Birame Njie und der 21-jährigen Schwester Adji Fatou hat Abdoulie Njie dank seines Smartphones täglichen Kontakt, Fotos von seinen sportlichen Heldentaten erfreuen die Familie im finsteren Gambia. Dort beherrscht der Diktator Yahya Jammeh das Land mit brutaler Gewalt, nachdem er 2015 eine Islamische Republik ausgerufen hat. Folter und Erschießungen politischer Häftlinge sind ebenso an der Tagesordnung wie die Genitalverstümmelung von 76 Prozent der dort lebenden Frauen und die Verfolgung homosexueller Menschen, die der Staatspräsident persönlich mit dem Tode bedroht. "Es ist ein großes Glück, dass mir die Flucht gelungen ist. Und ich bin sehr glücklich, nun hier zu sein", sagte Abdoulie Njie. In seinem Verein ist man froh, dass er da ist.

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