SAP Walldorf

"Königssohn wird nicht König" - Ala-Pietilä übernimmt (Update)

Vor knapp einem Jahr hatte SAP Renjen nach langer Suche als Nachfolger für Plattner vorgestellt.

12.02.2024 UPDATE: 12.02.2024 20:42 Uhr 3 Minuten, 1 Sekunde
Der scheidende Aufsichtsratsvorsitzende der SAP, Hasso Plattner (links), und der damals als Nachfolger vorgesehene Punit Renjen bei der Hauptversammlung im Jahr 2023 in der Mannheimer SAP Arena. Foto: dpa

Von Barbara Klauß

Walldorf. Er sei ein "exzellenter Kandidat", hieß es im vergangenen Jahr, als Punit Renjen als Nachfolger von SAP-Urgestein Hasso Plattner vorgestellt wurde. In diesem Mai sollte der ehemalige Deloitte-Manager den SAP-Mitgründer an der Spitze des Aufsichtsrats ablösen.

Doch am Sonntagabend kam die Kehrtwende: Renjen und SAP hätten sich in gegenseitigem Einvernehmen getrennt, teilte der Softwarekonzern überraschend mit – drei Monate vor der Hauptversammlung, zu der Plattners Amtszeit endet.

Designierter SAP-Aufsichtsratsvorsitzender: Pekka Ala-Pietilä. Foto: SAP/Heidi Piiroinen

Zeitgleich präsentierten die Walldorfer einen neuen potenziellen Nachfolger: Den Ex-Nokia-Manager Pekka Ala-Pietilä, 67. Der frühere Präsident des Telekommunikationskonzerns ist in Walldorf kein Unbekannter: Er saß bereits von 2002 bis 2021 im SAP-Aufsichtsrat.

Beschäftigte, Anteilseigner und Beobachter zeigten sich am Montag überrascht, teilweise auch irritiert. "Der Königssohn wird nicht König", sagte etwa Markus Kienle, Mitglied des Vorstands der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK).

Der mittlerweile 80-jährige Plattner, der als letzter Gründer nach mehr als 50 Jahren noch eine aktive Rolle in Europas größtem Softwarekonzern spielt, hatte immer wieder ein ordentliches Verfahren zur Nachfolgeplanung versprochen.

Doch die gestaltete sich schwierig. Der Plan, einen internen Kandidaten zu berufen, habe sich zerschlagen, sagte Plattner im vergangenen Jahr dem "Handelsblatt". Auch die Suche unter ehemaligen SAP-Topmanagern habe nicht geklappt.

Vor einem Jahr dann präsentierte der Konzern nach langer Suche den heute 62 Jahre alten Renjen als designierten Nachfolger. Er sei "ausgesprochen gut für den Aufsichtsrat qualifiziert" und "ein exzellenter Kandidat", erklärte Plattner damals.

Mit großer Mehrheit wurde Renjen bei der Hauptversammlung 2023 ins Kontrollgremium gewählt. Sein Wechsel an dessen Spitze nach dem diesjährigen Aktionärstreffen am 15. Mai schien Formsache.

In der Zeit bis dahin sollte der Neue eingearbeitet werden, "um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten", schrieb Plattner damals in einem Brief an die Aktionärinnen und Aktionäre.

Doch das lief offenbar nicht wie geplant. Als Grund für die Trennung von Renjen nannte SAP nun "unterschiedliche Vorstellungen über die künftige Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden". Aufgabe des Gremiums ist es nach hiesigem Recht, den Vorstand zu beraten und zu überwachen.

Mit dieser Funktion habe sich der US-Amerikaner nicht anfreunden können, ist aus Unternehmenskreisen zu hören. Stattdessen habe sich Renjen zunehmend ins Tagesgeschäft eingemischt. Auch mit Mitarbeitern soll er häufig das Gespräch gesucht und Strategien diskutiert haben.

Falls das stimme, sei das ein "absolutes No-Go", erklärte Aktionärsvertreter Kienle von der SdK am Montag. Doch scheint ihm schwer vorstellbar, dass ein solches Rollenverständnis bei der Identifizierung eines Kandidaten nicht aufgefallen wäre. "Der Mann, der uns als der ideale Glücksfall für SAP angekündigt wurde, als prädestiniert für diese Aufgabe – der soll an einer anderen Auffassung seiner Rolle gescheitert sein?", fragte Kienle. "Mit dieser Begründung tue ich mich schwer."

Fehler könnten passieren, fügte der Aktionärsvertreter hinzu. "Aber ein solcher Stockfehler, dass ein designierter Aufsichtsratsvorsitzender nicht weiß, welche Rechte und Pflichten ein Aufsichtsrat in Deutschland hat – ein solcher Fehler darf nicht geschehen." Insgesamt bezeichnete Kienle den Vorgang als "bemerkenswert" für einen Dax-Konzern – "bei dem der Kapitalmarkt viel vom Vertrauen in die Kommunikation lebt".

Die Börse reagierte am Montag jedoch kaum auf die Ankündigung aus Walldorf: Die Aktie des Dax-Schwergewichts gab nur leicht nach. Der Fortgang des designierter Aufsichtsratschefs Renjen werde wohl keine größeren Folgen für den Softwarekonzern haben, schrieb Analyst Michael Briest von der Schweizer Großbank UBS in einer ersten Reaktion.

Hintergrund

> Der Aufsichtsrat ist ein wichtiges Kontrollgremium in großen Unternehmen oder Aktiengesellschaften. Seine zentrale Aufgabe besteht in der Beratung und Überwachung des Vorstandes, der die laufenden Geschäfte führt. Daher dürfen Mitglieder des Vorstands nicht gleichzeitig

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> Der Aufsichtsrat ist ein wichtiges Kontrollgremium in großen Unternehmen oder Aktiengesellschaften. Seine zentrale Aufgabe besteht in der Beratung und Überwachung des Vorstandes, der die laufenden Geschäfte führt. Daher dürfen Mitglieder des Vorstands nicht gleichzeitig Mitglieder des Aufsichtsrats sein. Zudem bestellt der Aufsichtsrat die Mitglieder des Vorstandes.

> Bei der SAP SE hat der Aufsichtsrat derzeit 18 Mitglieder. Neun von ihnen werden bei der Hauptversammlung – nach Nominierung durch den Aufsichtsrat – von den Aktionärinnen und Aktionären gewählt. Sie vertreten die Anteilseigner. Die übrigen neun werden als Arbeitnehmervertreter von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der SAP gewählt.

> Den Vorsitzenden des Aufsichtsrates bestimmen die Mitglieder des Gremiums, ebenfalls per Wahl. Im Jahr 2022 kandidierte der SAP-Mitgründer Hasso Plattner überraschend erneut für den Vorsitz – nach fast 20 Jahren als Chefkontrolleur. Er hatte den Posten 2003 von seinem Gründer-Kollegen Dietmar Hopp (Chefaufseher von 1998 bis 2003) übernommen.

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Deutlicher wurde Ingo Speich vom Fondsanbieter Deka Investment im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa: "Das operative Geschäft wird wieder einmal durch Schwächen in der Unternehmensführung überschattet", sagte er.

Auf der Zielgeraden zur Staffelstabübergabe seien alle Beteiligten Verlierer. Zudem bedauerte er, dass nun doch kein Externer den Aufsichtsratsposten übernehmen soll.

Nicht alle betrachten das als Nachteil. "Mit Pekka Ala-Pietilä werden wir einen Vorsitzenden bekommen, der SAP kennt", erklärte Eberhard Schick, Betriebsratsvorsitzender der SAP SE. Zudem kenne er sich "mit einem europäisch geprägten Arbeits- und Sozialmodell" aus.

"Ich hoffe, dass der designierte Aufsichtsratsvorsitzende die langfristige Entwicklung von SAP im Blick hat und nicht nur an kurzfristigen Rendite-Zielen interessiert ist".

Die Präsentation des neuen designierten Plattner-Nachfolgers fiel jedenfalls nicht ganz so euphorisch aus wie zuvor. Mit Ala-Pietilä, der bereits in verschiedenen Expertengremien für Künstliche Intelligenz mitarbeitete, habe SAP eine Führungspersönlichkeit gefunden, "die nicht nur ein tiefgreifendes Verständnis unserer Branche und der Komplexität der europäischen SE-Governance mitbringt, sondern auch ein wichtiger Verbündeter in vielen entscheidenden Momenten der SAP war", ließ Plattner mitteilen. Zudem betonte er die "bedächtige Vorgehensweise" seines designierten Nachfolgers.

Doch wirkt diese Nachfolgelösung aus Sicht von Ingo Speich von Deka Investment, als sei sie "auf den letzten Metern mit heißer Nadel gestrickt". Und das, obwohl die Ablösung Plattners seit Jahren im Raum stand.

Und auch der Betriebsratsvorsitzende Schick meint: "Die jetzige Lösung hätte man früher haben können." Dieses Hin und Her "hätten wir uns ersparen können".

(Der Kommentar wurde vom Verfasser bearbeitet.)
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