Heidelberger Literaturherbst

Wenn der romantische Räuberhauptmann auf der Strecke bleibt

Sechs lokale Verlage stellten im Deutsch-Amerikanischen Institut aktuelle Neuerscheinungen vor

23.09.2018 UPDATE: 24.09.2018 06:00 Uhr 3 Minuten, 2 Sekunden

Bei der "Herbst-Lese" im DAI (v.l.): Regina Wehrle (Mattes), Claudia Rink (Kurpfälzischer Verlag), Bettina Weiss (kalliope), Christian Weiß (Draupadi), Marie Goldschmidt (Morio) und Walter Roth (WaRo). Foto: Joe

Von Heribert Vogt

Heidelberg. Ein Räuber wird in Heidelberg geköpft - davon berichtet eine Biografie. Aber selbst noch in einem Gedichtband begegnet man einem "gebrochenen Genick". Mit einem Roman taucht man in die indische Megacity Mumbai ein, oder man begibt sich auf einen Streifzug durch Deutschland im 19. Jahrhundert.

Weitere schillernde Welten betritt man in einem rumänischen Märchenbuch oder in dem ersten deutschen Fastnachtsepos. Bei ihrer "Herbst-Lese" im Rahmen des Literaturherbstes präsentierten sechs lokale, eher kleine Verlage im DAI einen so facettenreichen wie attraktiven Strauß an Neuerscheinungen, die auf vielfache Weise in die weite Welt entführen - und durchaus auch ein schönes Weihnachtsgeschenk abgeben können.

Für den Kurpfälzischen Verlag stellte Claudia Rink die Biografie "Mein Vetter, der Räuber" von Werner Becker vor (344 S., 18 Euro). Der Autor ist entfernt verwandt mit dem Räuber Friedrich Philipp Schütz, bekannt als Mannefried-rich, der am 31. Juli 1812 in Heidelberg mit drei Kumpanen öffentlich hingerichtet wurde.

Bei einem Überfall war ein Mensch zu Tode gekommen, sodass zu den Diebstählen und Einbrüchen ein fataler Raubmord hinzukam. Beckers detektivische Recherche führte zu einer Studie über die sozialen Unterschichten im Westen und Süden Deutschlands des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Denn der Räuber hatte "ein schrecklich armes Leben". Da bleibt das romantische Bild vom Räuberhauptmann auf der Strecke.

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Bei kalliope paperbacks ist der Gedichtband "Ungestüme Dreistigkeiten" von Jannik Richter erschienen, den Verlegerin Bettina Weiss vorstellte (150 S., 16,50 Euro). In dem hübsch minimalistisch illustrierten Buch (Lea Weil) des Münchners Richter (Jahrgang 1994) sind Gedichte von 2014 bis 2017 versammelt, die so modern, leicht und lustvoll wie auch gesellschaftskritisch und nachdenklich daherkommen.

Mit eher traditionellen Techniken sucht der Lyriker die überraschende Pointe, die herkömmliche Sichtweisen sprengt und den normalen Alltag als vordergründige Fassade entlarvt. Der Verlag zitiert Wolf Wondratschek, der in Heidelberg studiert hat. Er hält Gedichte für notwendig, "um ein Loch in die Zeit zu brennen".

Im Draupadi Verlag liegt der in Indien spielende Roman "Die Stadt, das Meer, die Liebe" des muslimischen Autors Rahman Abbas vor (326 S., 19,80 Euro.) Verleger Christian Weiß präsentierte den von Almuth Dengler übersetzten Titel, der in die Metropole Mumbai entführt, mit 28 Millionen Menschen eine der größten Megacities der Welt. "Das war der letzte Tag von Asrars und Hinas Leben", so beginnt der Roman, der 2016 zum meistdiskutierten Buch der Urdu-Literatur wurde.

Er enthält eine Liebesgeschichte, die mit Spannung und Fantasie, auch mit Sozialkritik, Philosophie und Poesie gespickt ist. Die Vielfalt der muslimischen Gemeinschaft Indiens, die persönlichen und sozialen Probleme der jungen Generation, religiöse und sexuelle Spannungen, all das wird verhandelt. Es geht um die Sorgen und Träume eines jungen Liebespaares in einer Großstadt der Chancen wie auch des Elends.

Der Morio Verlag hat den Band "Streifzüge durch Deutschland" der britischen "Frankenstein"-Autorin Mary Shelley veröffentlicht (200 S., 19,95 Euro). Marie Goldschmidt wählte für den Verlag - ein Imprint des Mitteldeutschen Verlags in Halle - nun diese historischen Schilderungen von Reisen in den Jahren 1840 und 1842.

Der reich illustrierte Band macht Mary Shelleys Reiseskizzen erstmals auf Deutsch zugänglich. Gut, ganz so schockierend wie in "Frankenstein" geht es im damaligen Deutschland nicht zu. Aber für Shelley gibt es hier seinerzeit "keine gut aussehenden Frauen", und auch das Essen ist schlicht grottig.

Völlig anders jedoch fällt ihr Urteil über Heidelberg aus: "Als wir uns Heidelberg näherten, bogen wir in die umgebenden Hügel ein. Der Weg lief am rechten Ufer des Neckars entlang. Und auf Schritt und tritt gewann die Szenerie neue Schönheit … Die Stadt gleicht nicht im Mindesten denen, die wir zuvor passiert haben. Sie zeigt ein altertümliches, malerisches, unkünstliches Aussehen, das weit mehr mit unseren Vorstellungen von deutscher Romantik zusammenstimmt."

Im WaRo-Verlag ist frisch das großformatige zweisprachige Märchenbuch "Jugend ohne Alter und das Leben ohne Tod" von Petre Ispirescu in Rumänisch und Deutsch herausgekommen (40 S., 14,95 Euro). Walter Roth erläuterte das mit Illustrationen von Calin Beloescu und einem Vorwort von Victor Carcu versehene Buch, das er selbst übersetzt hat.

Ispirescu, 1830 in Bukarest geboren und 1887 gestorben, war ein rumänischer Verleger, Erzähler, Schriftsteller und Buchdrucker. Er ist bekannt geworden vor allem durch seine Tätigkeit als Sammler rumänischer Volksmärchen, die er mit einem besonderen Talent zu erzählen wusste. Laut Walter Roth versteht sich der Verlag für die rund 20.000 im Rhein-Neckar-Kreis lebenden Rumänen als Brücke in die Heimat.

Im Mattes Verlag ist der Titel "Von Fastnachtsküchlein, Narren und Trinkgelagen: Friedrich Taubmanns Bacchanalia (1592)" - das erste deutsche Fastnachtsepos - auf Lateinisch und Deutsch in einer kommentierten Ausgabe erschienen (198 S., 24 Euro). Da Verlegerin Regina Wehrle die Moderation der Runde übernommen hatte, verwies Jutta Wagner vom DAI auf diese Novität.

Diese beschreibt ein Fastnachtsfest in der fränkischen Heimat des späteren Wittenberger Universitätsprofessors Taubmann. Der Text bündelt auf originelle Art die humanistische Fastnachtstradition der Frühen Neuzeit und bietet nicht nur Wissenschaftlern, sondern auch Fastnachtsenthusiasten faszinierende Kost.

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