Statistik: Keine Gewaltzunahme durch Flüchtlinge

Bei Mord und Totschlag gab es ein Minus. Experten empfehlen aber bessere therapeutische Betreuung

05.12.2016 UPDATE: 06.12.2016 06:00 Uhr 2 Minuten, 13 Sekunden

Der Ort der Tragödie: Eine Passantin steht am dem Baum am Dreisam-Ufer, an dem der ermordeten 19-jährigen Studentin gedacht wird. Foto: Patrick Seeger

Von Anika von Greve-Dierfeld

Viel weiß man nicht über den jungen Mann. Sein Alter ist bekannt, seine Herkunft und nun vor allem das: Er wird verdächtigt, eine junge Studentin in Freiburg vergewaltigt und ermordet zu haben. Und: Er ist Flüchtling. Ein unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UMF) aus Afghanistan, um genau zu sein. Der Fall schlägt Wellen, Hasskommentare wechseln sich ab mit Aufrufen von Politikern zur Mäßigung.

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Kontroverse Debatte

Sören S. Sgries und Jürgen Ruf

Freiburg. Der Verdächtige schweigt. Das ist die eine neue Information, die am Montag von der Staatsanwaltschaft in Freiburg zu bekommen ist. Die andere: Die 19-jährige Medizinstudentin Maria L.,

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Kontroverse Debatte

Sören S. Sgries und Jürgen Ruf

Freiburg. Der Verdächtige schweigt. Das ist die eine neue Information, die am Montag von der Staatsanwaltschaft in Freiburg zu bekommen ist. Die andere: Die 19-jährige Medizinstudentin Maria L., die Mitte Oktober am Ufer der Dreisam vergewaltigt wurde und dann starb, war in der Flüchtlingshilfe engagiert. Ob sie daher ihren mutmaßlichen Mörder kannte? Den 17-jährigen afghanischen Flüchtling, der am vergangenen Freitag gefasst wurde? Ungewiss.

Umso meinungstärker wird bundesweit das Verbrechen in der Breisgau-Stadt diskutiert - selbst die Bundeskanzlerin ließ ihren Sprecher Stellung beziehen. Sollte sich der Tatverdacht bestätigen, müsse der 17-Jährige für die abscheuliche Tat bestraft werden, so Regierungssprecher Steffen Seibert. "Aber wir dürfen nicht vergessen, wir reden dann von der möglichen Tat eines afghanischen Flüchtlings, nicht einer ganzen Gruppe von Menschen, die wie er Afghanen oder Flüchtlinge sind."

Auch Vize-Regierungschef Sigmar Gabriel hatte zuvor erklärt: "So bitter es ist: Solche abscheulichen Morde gab es schon, bevor der erste Flüchtling aus Afghanistan oder Syrien zu uns gekommen ist", so der SPD-Mann. "Wir werden nach solchen Gewaltverbrechen - egal, wer sie begeht - keine Volksverhetzung zulassen." Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz, nannte es "schäbig", dass nun einige aus dieser Tat politisches Kapital schlagen wollten.

Denn genau in diese Richtung driftet die Diskussion in diversen Internet-Kommentarspalten. Ganz vorne mit dabei: die AfD, die von "Merkels Jahr der Schande mit neuem Tiefpunkt" spricht. "Wir sind erschüttert über diese Tat und erleben gleichzeitig, dass unsere Warnungen vor der ungesteuerten Einreise Hunderttausender junger Männer aus patriarchalisch-islamischen Kulturkreisen als populistisch abgewertet wurden", so AfD-Bundeschef Jörg Meuthen.

Besonders heftig im Kreuzfeuer der Kritik steht die ARD-Tageschau, die in ihren 20-Uhr-Nachrichten nicht über den Fall berichtet hatte. Warum? "Es geht um die Relevanz für die gesamte Gesellschaft", erklärte Chefredakteur Kai Gniffke. Die habe man nicht gesehen, sondern nur eine regionale Bedeutung - der SWR berichtete ausführlich. Der "Gesprächswert" des Mordfalls habe als Kriterium nicht ausgereicht. "Wir können und wir wollen nicht über jeden der circa 300 Mordfälle pro Jahr berichten", so Gniffke.

Ob ein deutscher Täter, ein Flüchtlingsmädchen als Opfer etwas verändert hätte? Nein, so Gniffke. Und über Anschläge auf Flüchtlingsheime werde berichtet, "weil sich dahinter ein gesellschaftlich breites Phänomen verbirgt, nämlich dass es Fremdenfeindlichkeit in diesem Land gibt".

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"Diese bekannte Angst der Bevölkerung, jetzt kommen ganz viele junge Männer, die ganz anders sozialisiert sind, die wird durch so einen einzelnen Fall ja bestärkt", sagt die Psychologin Maggie Schauer, die an der Universität Konstanz forscht. "Aber die Generalisierung, alle jugendlichen Flüchtlinge seien so, entwickelt eine fatale Dynamik."

Die Annahme, junge Flüchtlinge seien gewaltbereiter, lässt sich mit Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) nicht belegen. "Die Gewaltkriminalität insgesamt ist zurückgegangen, obwohl so viele Flüchtlinge gekommen sind", erläutert Professor Jörg Kinzig, Direktor des Tübinger Instituts für Kriminologie, die Statistiken.

"Bei Mord und Totschlag gab es ein Minus von 2,9 Prozent. Bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung ein Minus von 4,4 Prozent." Sexualmorde wie der in Freiburg seien äußerst selten. Nur 13 Fälle gab es im vergangenen Jahr bundesweit. Statistisch gesehen werde dabei einer von einem Jugendlichen verübt - "egal, wo der herkommt".

Nach Zahlen des Bundesfachverbands unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (BumF) leben momentan rund 64.000 solcher jungen Menschen in Deutschland. Sie werden seit dem 1. November 2015 nach einem Quotenschlüssel bundesweit verteilt und dann in Einrichtungen, Wohngruppen oder Pflegefamilien untergebracht. Ein Großteil von ihnen stammt aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Etwa 90 Prozent sind männlich.

Sozialarbeiter, die sich um Jugendliche kümmern, wissen, dass es nicht immer leicht ist, Zugang zu den jungen Menschen zu finden. Manche von ihnen sind durch Kriegserlebnisse und Flucht traumatisiert. Und viele unbegleitete Flüchtlinge entstammen Familien, in denen Gewalt eine enorme Rolle spielt.

In Baden-Württemberg befragten Schauer und ihre Kollegen knapp 60 junge Flüchtlinge, die alleine nach Deutschland gekommen waren. "Schockierend war: So gut wie jeder hatte auch elterliche Gewalt erlebt", sagt Schauer. Gut 40 Prozent der Befragten litten unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. "Im Grunde sind traumatisierte Menschen aber gefährdet, nicht gefährlich", sagt sie.

"Der Fall in Freiburg ist eine Katastrophe und unentschuldbar - aber er hat mit Flüchtlingen nichts zu tun, sondern mit sexualisierter Gewalt, die bekämpft werden muss", sagt Fachverbands-Referentin Ulrike Schwarz. "Wir finden es schwer, ohne Einzelfallkenntnis den Grund für diese schreckliche Tat in der Flüchtlingseigenschaft des jungen Mannes zu suchen." Viel wichtiger wäre es aus ihrer Sicht, das Problem sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen insgesamt zu betrachten.

Ist das so? Nicht ganz, findet Trauma-Expertin Schauer. Es liege sehr wohl eine Gefahr darin, wenn drastische eigene Gewalterlebnisse zusammenfallen mit dem Aufwachsen in gesellschaftlichen Systemen mit einem Werte-Kodex, der die Gleichwertigkeit von Frauen infrage stelle, aggressives Verhalten bestärke und die absolute Verwerflichkeit von Gewalt relativiere.

"Gewalterfahrungen verändern die Psyche und das Gehirn", sagt sie. Schauer fordert einen Paradigmenwechsel. "Am Anfang der Betreuung von Geflüchteten muss unbedingt eine viel intensivere soziale oder psychotherapeutische Betreuung stehen".

Den Mord in Freiburg mit der Flüchtlingsproblematik in Verbindung zu bringen, findet Kriminologe Kinzig ebenso wie die Psychologin Schauer abwegig. "Mir war klar, dass viele diesen Kontext herstellen würden. Aber durch Zahlen lässt sich so etwas nicht belegen."

Viel wichtiger seien nun andere Fragen - etwa, ob die Tat in Freiburg, wie die meisten dieser Taten, eine Beziehungstat war. "Die meiste Gewaltkriminalität kommt aus den Reihen junger Männer", sagt Kinzig. "Junge geflüchtete Männer verhalten sich wie deutsche junge Männer auch."

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