Energiekrise und Inflation

"Die soziale Schere geht momentan weiter auf"

DIW-Präsident Fratzscher spricht im Interview über noch moderate Gewerkschaften.

24.11.2022 UPDATE: 24.11.2022 06:00 Uhr 2 Minuten, 14 Sekunden
Symbolfoto: Pixabay/stevepb
Interview
Interview
Prof. Marcel Fratzscher
Leiter des Wirtschaftsforschungs-instituts DIW in Berlin

Von Gernot Heller, RNZ Berlin

Berlin. Prof. Marcel Fratzscher (51) leitet seit 2013 das Wirtschaftsforschungsinstitut DIW in Berlin und lehrt an der Humboldt-Universität. Zuvor leitete er die Abteilung für Internationale wirtschaftspolitische Analysen bei der EZB in Frankfurt.

Herr Fratzscher, ist die Stimmung in der Wirtschaft sei derzeit schlechter als die Lage?

Da ist schon was dran. Die Stimmung ist derzeit geprägt von den vielen Unsicherheiten. Dabei sind die letzten Zahlen zum Teil erstaunlich gut. Was wir momentan sehen, deutet nicht auf eine wirklich tiefe Rezession hin. Und wir rechnen im Frühjahr damit, dass es wieder aufwärts geht. Angesichts der aktuelle Fakten würde ich also von einer sehr milden Rezession sprechen. Allerdings: Die Unsicherheiten waren selten größer. Das gilt speziell in Hinblick auf die Großrisiken Krieg in der Ukraine, Energiepreise, Lieferketten und Weltwirtschaft. Wenn es zum Beispiel im Winter zu einer Gasknappheit mit der Schließung von Betrieben käme, könnte das schnell eine Schrumpfung der Wirtschaft um sechs, sieben Prozent bedeuten.

Ist in der aktuellen Krise die Kluft in der Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland noch tiefer geworden?

Die zunehmende soziale und wirtschaftliche Ungleichheit ist mit das größte Problem dieser Krise. Denn die verletzlichsten Menschen sind am stärksten betroffen. Die rekordhohe Inflation zum Beispiel wirkt extrem unsozial, weil Menschen mit geringem Einkommen viel stärker darunter leiden. Sie erfahren eine dreimal stärkere Teuerung als Menschen mit hohen Einkommen – weil sie nämlich den Großteil ihres Geldes für die Grundversorgung – sprich für Energie und Lebensmittel – ausgeben müssen. Ähnlich sieht es bei den Unternehmen aus: Die Großen fahren zum Teil auch in diesen Zeiten dicke Gewinne ein, während viele Mittelständler, die Kleinen, die Bäckerei um die Ecke, kaum mehr über die Runden kommen. Es bleibt das Fazit: Die soziale Schere geht momentan weiter auf, und zwar noch stärker als in der Pandemie.

Was sagen Sie denjenigen, die meinen, Krisen seien für den Staat nicht die Zeit für eine Verteilungspolitik?

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