Mannheim

Kanzler Scholz würdigte SAP-Mitgründer Hasso Plattner (Update)

Scholz kam schon vor knapp zwei Jahren zum 50. Geburtstag des Unternehmens. Nun sprach er in Mannheim zu Ehren des SAP-Urgesteins. Moderator Günther Jauch und US-Rockröhre Anastacia waren auch dabei.

16.05.2024 UPDATE: 16.05.2024 17:07 Uhr 3 Minuten, 57 Sekunden
Foto: dpa

Von Barbara Klauß

Mannheim/Walldorf. Es ist ein Abschied, der einer "Legende" würdig ist: Als sich am Donnerstagnachmittag der Vorhang in der SAP Arena in Mannheim hebt und das SAP Sinfonieorchester zu spielen beginnt, betritt ein wahrer Popstar die Bühne: "The world is changing and time is spinning fast", singt die US-Sängerin Anastacia vor den knapp 4000 Gästen in der Halle. Die Welt verändert sich und die Zeit dreht sich schnell. "Hold on. We can make it through the fire", schmettert der Pop-Star. "You’ll never be alone." Halte durch, wir werden das Feuer überstehen. Du bist nicht allein.

Worte, die klingen wie geschrieben für den Mann, der an diesem Tag verabschiedet wird: Hasso Plattner, Mitgründer des Softwarekonzerns SAP, der am Mittwoch im Alter von 80 Jahren aus dem Aufsichtsrat des Konzerns und damit – als letzter der Gründer – bei SAP ausgeschieden ist. Nach 52 Jahren, in denen er den Konzern maßgeblich mitgeprägt hat, von 1997 bis 2003 als Vorstandssprecher, seither als Chefaufseher.

In einer Branche, die sich ständig ändert, die immer schneller Neues hervorbringt, habe Plattner SAP immer wieder neu erfunden, hatte Konzern-Chef Christian Klein bereits auf Plattners letzter Hauptversammlung als Chefaufseher am Mittwoch gesagt. Dort hatte er den Gründer, der auch ihn gefordert und gefördert hat, als großen Netzwerker und Brückenbauer beschrieben; als jemanden, der zuhöre, das Beste aus einem Team herausholen könne. "You`ll never be alone."

Als "technologisches Genie" bezeichnet der Moderator der Veranstaltung, der Fernsehmann Günther Jauch, Hasso Plattner, als "Grenzgänger und Systemsprenger", als "unermüdlichen Antreiber des Fortschritts". Ähnlich große Worte wählen alle Redner beim Festakt vor knapp 4000 geladenen Gästen – die meisten von ihnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der SAP. Zudem sind aktuelle und ehemalige Weggefährten in die SAP Arena gekommen, Vorstand und Aufsichtsrat des Softwarekonzerns, die Familie Plattners – und Mitgründer Dietmar Hopp, der 2003 den Aufsichtsratsvorsitz an Plattner übergeben hatte und zwei Jahre später ausgeschieden war.

Auch interessant
SAP: Es gab nicht nur Lob zu Hasso Plattners Abschied (Update)

Sie beide, Plattner und Hopp, die an diesem Nachmittag in der ersten Reihe vor der Bühne sitzen, hätten gemeinsam mit Claus Wellenreuther, Klaus Tschira und Hans-Werner Hector Wirtschaftsgeschichte geschrieben, sagt Bundeskanzler Olaf Scholz, der zur Verabschiedung Plattners nach Mannheim gekommen ist.

Im Jahr 1972 waren die fünf Männer mutig genug, ihre sicheren Jobs bei IBM aufzugeben, um im beschaulichen Weinheim eine Firma zu gründen: die Systemanalyse Programmentwicklung – später kurz SAP. Ihre revolutionäre Idee: eine moderne Software, die sämtliche Geschäftsprozesse in Echtzeit erfasste und steuerte – von Buchführung über Einkauf und Logistik bis zur Produktion.

Heute beschäftigt SAP rund 110.000 Menschen weltweit und machte zuletzt einen Umsatz von gut 31 Milliarden Euro. Aus dem einstigen Start-up ist das mit Abstand wertvollste Unternehmen Deutschlands geworden und der größte Softwarekonzern Europas. "Heute läuft die gesamte Weltwirtschaft auf Software Marke SAP", sagt Bundeskanzler Scholz auf der Bühne. "Was für eine unfassbare globale Erfolgsgeschichte aus Deutschland"

Als "unermüdlichen Ideengeber und Antreiber" bezeichnet der Kanzler den Unternehmensgründer. Plattner stehe dafür, dass man notwendige Erneuerungen nicht zu lange vor sich herschieben dürfe – sonst fehle am Ende die Kraft, sie umzusetzen. Gerade in Deutschland sei in der Vergangenheit "manche Erneuerung auf die lange Bank geschoben" worden, erklärt Scholz mit Blick auf die Digitalisierung und die Wende hin zu mehr Nachhaltigkeit. Plattner aber habe gezeigt, dass Innovation keine Bedrohung sei, sondern eine Chance, so Scholz. "Gerade dafür bin ich Ihnen dankbar."

Doch weist auch der Kanzler darauf hin, dass eine solche Geschichte wie die der SAP nicht im Alleingang gelingt. Entwickelt habe sich SAP – "wie es zu Ihnen passt" – gemeinsam mit anderen, im produktiven Wettstreit.

Gerade das Duo Hopp/Plattner wurde oft als kongenial beschrieben. Hopp, der den Betrieb stabil hielt. Und Plattner, das technologische Genie, teilweise auch aufbrausend, der wie kein anderer verstand, was Kunden brauchten. Plattner sei beruflich ganz sicher der beste Gefährte gewesen, den er sich vorstellen könne, sagte Hopp zu Plattners 80. Geburtstag Anfang des Jahres. Seine Bereitschaft, Dinge anders anzugehen, und seine kreative Kraft, technische Prozesse neu zu denken, seien herausragend gewesen.

Ebenso sein nicht nur sportlicher Ehrgeiz: Legendär die Tennis-Matches, die sich die Männer lieferten – und bei denen auch mal die Schläger über den Platz geflogen sein sollen. Beim Betriebskick mit den Angestellten habe es häufig eine Hasso- und eine Dietmar-Fraktion gegeben, erzählte Hopp. "Ja, wir haben uns gemessen, haben den Wettbewerb geliebt", sagte er. Doch seien sie immer Partner geblieben und hätten das Ringen zum Wohl von SAP eingesetzt.

Und so bedankt sich der jetzige SAP-Chef Christian Klein explizit bei Dietmar Hopp, dass dieser in die SAP Arena gekommen ist, um Plattners Abschied mit zu feiern. "Ich weiß, Ihr haltet viel voneinander und habt großen Respekt voreinander", sagt Klein bei seiner Rede auf der Bühne an die beiden Gründer in der ersten Reihe gerichtet. Dass Hopp gekommen sei, bedeute Plattner sehr viel.

Auch bei Plattner, seinem Forderer und Förderer, bedankt sich Klein – nicht zuletzt für das Vertrauen. Die Welt dreht sich schnell und schneller, gerade in der Technologiebranche. Mal wieder steckt SAP in diesem Moment, in dem der letzte Gründer das Unternehmen verlässt – der Vordenker, der noch immer großen Einfluss hatte – in einem tiefgreifenden Wandel.

Christian Klein will aus SAP ein reines Cloud-Unternehmen machen, das seine Software nicht verkauft, sondern in einer Art Abo-Modell übers Internet zur Nutzung bereit stellt. Zudem setzt der SAP-Chef verstärkt auf Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz (KI). Dafür baut Klein das Unternehmen um, auch 8000 Stellen werden weltweit gestrichen. All die Veränderungen hat Plattner als Aufsichtsratschef mitgetragen – auch in den Momenten, in denen nicht jeder von Kleins Strategie überzeugt war.

Nun gibt der Vorstandsvorsitzende dem letzten ausscheidenden Gründer das Versprechen, dass sowohl er als auch der gesamte Vorstand sich Mut, Innovationskraft und Leidenschaft bewahren werden.

Wie aber geht es nun weiter, wenn Plattner, der noch gut 6 Prozent der SAP-Anteile hält, nur noch ein "einfacher" Aktionär des Unternehmens ist, das er "wie kein anderer lebt"? Als Berater wird er dem Konzern erhalten bleiben, wie es am Mittwoch bei der Hauptversammlung hieß. Das Amt des Chief Software Advisors, also des Chef-Software-Beraters, das er bislang noch inne hatte, will Plattner mit seinen 80 Jahren nicht mehr übernehmen. "Ich glaube", erklärt Bundeskanzler Scholz, "Sie können gar nicht anders als immer wieder neue Ideen auszubrüten und voranzutreiben." Dafür, meint Scholz, "brauchen Sie gar kein Amt".

Update: Donnerstag, 16. Mai 2024, 21.34 Uhr

(Der Kommentar wurde vom Verfasser bearbeitet.)
(zur Freigabe)
Möchten sie diesen Kommentar wirklich löschen?
Möchten Sie diesen Kommentar wirklich melden?
Sie haben diesen Kommentar bereits gemeldet. Er wird von uns geprüft und gegebenenfalls gelöscht.
Kommentare
Das Kommentarfeld darf nicht leer sein!
Beim Speichern des Kommentares ist ein Fehler aufgetreten, bitte versuchen sie es später erneut.
Beim Speichern ihres Nickname ist ein Fehler aufgetreten. Versuchen Sie bitte sich aus- und wieder einzuloggen.
Um zu kommentieren benötigen Sie einen Nicknamen
Bitte beachten Sie unsere Netiquette
Zum Kommentieren dieses Artikels müssen Sie als RNZ+-Abonnent angemeldet sein.