Aktion "Schichtwechsel"

Behinderte Menschen wechseln für einen Tag in den ersten Arbeitsmarkt

Mehr Inklusion am Arbeitsplatz: Menschen mit Behinderung arbeiten oft in speziellen Werkstätten und bleiben unter sich. Doch das geht auch anders.

06.11.2022 UPDATE: 06.11.2022 06:00 Uhr 2 Minuten, 26 Sekunden
Sandra (l) und ihre Tauschpartnerin Maria Treinern im Seecafé. Foto: epd

Von Carina Dobra

Mainz. Vorsichtig schiebt Sandra die Pizza in den großen Steinofen. "Ganz schön heiß", ruft sie und wedelt sich mit ihren Händen Luft zu. Die junge Frau hilft heute zum ersten Mal in der Gastronomie aus – im Seecafé in Hanau. Normalerweise arbeitet die 36-Jährige in einer Einrichtung des Behinderten-Werks Main-Kinzig in Langenselbold. Dort sortiert sie Schrauben, wie die lebensfrohe Frau erzählt: "Das heute ist was ganz anderes!", sagt sie und lässt sich von einem der Köche zeigen, wie sie die fertig gebackene Pizza am besten schneidet.

In der Küche des Seecafés hat Sandra heute bereits Besteck geordnet und den Servicekräften über die Schulter geschaut. "Das macht Spaß und die Zeit geht schnell rum", sagt sie in der Pause zu ihrer Tauschpartnerin Maria Treinen.

Beide machen mit bei der 2019 gestarteten Aktion "Schichtwechsel". Für einen Tag lang lernen Mitarbeitende aus Unternehmen deutschlandweit den Arbeitsalltag in Werkstätten für behinderte Menschen kennen und umgekehrt. In diesem Jahr haben sich nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen so viele Firmen wie noch nie beteiligt.

"Wir wollen einen Perspektivwechsel ermöglichen und Vorurteile abbauen", erklärt Martin Berg, Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft und des Behinderten-Werks Main-Kinzig. Beide Seiten sollen die jeweiligen Arbeitsalltage mit ihren Vorzügen aber auch Schwierigkeiten kennenlernen.

Auch interessant
Mit dem Rollstuhl unterwegs: So "hürdenfrei" ist die Heidelberger Altstadt (plus Video)
Baden-Württemberg: Warum Behinderung nicht "krank" heißt
Sinsheim: Warum Sitzvolleyball gelebte Inklusion ist

Die erlebt Maria Treinen schon bei einer ihrer ersten Aufgaben in der Metallwerkstatt, die nur wenige Meter vom Seecafé entfernt liegt. Die 23-Jährige hantiert mit den Schrauben, die für Auto-Ersatzteile gebraucht werden. "Ops, jetzt hab ich was falsch gemacht!", murmelt die Kellnerin und lacht. Ein Mitarbeiter ist sofort zur Stelle und setzt die Schraube mit einem gekonnten Griff wieder richtig ein. "Ich finde das beeindruckend, wie Leute, die zum Beispiel eine Sehschwäche haben, nur mit Hilfe von Tasten und Fühlen das hier alles hinkriegen", sagt Maria, während sie langsam den Dreh raus hat mit den Schrauben.

Eine Einrichtung des Behinderten-Werks, in dem unter anderem Schrauben sortiert werden. Der Betrieb macht mit bei der Aktion „Schichtwechsel“. Foto: epd

Manchmal können Werkstattmitarbeitende weitervermittelt werden auf den regulären Arbeitsmarkt, wie Martin Berg berichtet. "Um der Wahrheit gerecht zu werden, muss man aber sagen: Es sind nur wenige." Die Werkstätten seien aber bemüht, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu fördern. "In vielen Unternehmen sind die Arbeitsprozesse schneller, alles ist mehr nach Leistung orientiert", sagt Berg. Der Druck sei oftmals so groß, dass zunehmend Menschen den Anforderungen nicht mehr gerecht ...