Filmtage des Mittelmeeres

"Apples" - zwischen Vergessen und Erinnern

Christos Nikous eigenwilliger Film "Apples" eröffnet in Heidelberg die 37. Filmtage des Mittelmeeres

25.01.2023 UPDATE: 25.01.2023 06:00 Uhr 1 Minute, 29 Sekunden
Aris Servetalis als Identitäts-Sucher. Foto: Trigon Film

Von Wolfgang Nierlin

Heidelberg. Ein Hämmern rhythmisiert eine kurze Abfolge aufblitzender Bilder. Ein Mann (Aris Servetalis) schlägt mit seinem Kopf gegen die Wand. Dann sitzt er verloren auf dem Sofa, blickt in einen Spiegel und starrt zugleich ins Leere seiner in dämmriges Licht getauchten Wohnung. In den Radio-Nachrichten ist von einer mysteriösen Krankheit die Rede, die den Betroffenen die Erinnerung und damit die Identität raubt. Später befindet sich der große, bärtige und stille Mann in einem Krankenwagen, der in einen Tunnel fährt. Weil er keine Papiere bei sich trägt, gilt er fortan als ein Patient ohne Identität, nach dem niemand sucht.

Hintergrund

> Die Filmtage des Mittelmeeres zeigen im Karlstorkino Südstadt vom 25. Januar bis zum 5. Februar 22 Spiel- und Dokumentarfilme aus 15 Ländern. Die politischen und

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> Die Filmtage des Mittelmeeres zeigen im Karlstorkino Südstadt vom 25. Januar bis zum 5. Februar 22 Spiel- und Dokumentarfilme aus 15 Ländern. Die politischen und sozialen Krisen nach dem Arabischen Frühling, das schwierige Erbe von Diktatur und Unterdrückung sowie Korruption sind nur einige der Themen. Gespiegelt werden diese Verwerfungen oftmals in den Konflikten innerhalb von Familien. Das Politische wird privat; und die persönliche Geschichte ist nie ganz unpolitisch. Mehrere Filmemacherinnen und Filmemacher werden zu Gast sein, um mit dem Publikum zu diskutieren. Die Filme werden in der jeweiligen Originalsprache mit deutschen oder englischen Untertiteln gezeigt. Eröffnet wird die 37. Ausgabe des beliebten Festivals, das vom Montpellier-Haus in Kooperation mit dem Heidelberger Medienforum veranstaltet wird, an diesem Mittwoch mit dem griechischen Film "Apples" ("Mia") von Regisseur Christos Nikou. (nie)

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"Viele leiden an Amnesie", sagt die betreuende Ärztin, die den Namenlosen registriert. Nach einer Reihe von Gedächtnistests, die merkwürdig skurril und altmodisch anmuten, diagnostizieren die Ärzte einen Erinnerungsverlust, der offensichtlich selektiv ist. Denn der Namenlose, der gerne Äpfel ist, kann sich zwar nicht an seine Herkunft erinnern, seine Sprache, sein Denken, bestimmte Gewohnheiten und Fähigkeiten scheinen aber nicht beeinträchtigt. Trotzdem empfiehlt ihm die Ärztin eine spezielle Therapie.

Denn: "Ein Alltag ohne Identität ist schwierig." "Erlerne dein Leben", lautet der Titel des Programms, das einen Neuanfang im Leben ermögliche. Ausgestattet mit einer Wohnung, Kleidern und Geld, folgt der Namenlose fortan den Instruktionen einer Audiokassette. Die alltäglichen Aufgaben, die ihm gestellt werden und die auch auf seine soziale Reintegration zielen, soll er mit Polaroidfotos festhalten.

Christos Nikou inszeniert in seinem eigenwilligen Spielfilmdebüt "Apples" eine analoge Welt. In unterkühlten, fahlen Bildern im Format 4:3 und mit einem reduzierten Setting entwirft er in Korrespondenz zu den Aufgaben seines Protagonisten eine episodische Struktur, die konzentriert und mit lakonischem Erzählduktus eine Reihe ebenso absurder wie komischer Szenen vorführt. Diese reichen vom Fahrrad- und Autofahren über eine Verkleidungsparty bis zum Nachtclubbesuch. Als Schüler der Greek Weird Wave, die sich um den Regisseur Giorgos Lanthimos gebildet hat, folgt Nikou mit seiner teils surreal anmutenden Versuchsanordnung weder einer konventionellen Dramaturgie noch der Logik des Erzählkinos. Stattdessen untersucht der Filmemacher, inwieweit Gefühle unser Erinnerungsvermögen beeinflussen.

Ist der Held seines bemerkenswerten Films auf der Flucht vor sich selbst und den negativen Erinnerungen an sein früheres Leben? Verdrängt er durch die Flucht ins Vergessen einen Schmerz? Und braucht es die Wiedererinnerung wirklich, um weiterleben zu können?

Info: Heidelberg, Karlstorkino Südstadt, OmdtU: 25.1., 19 Uhr; 27.1., 15 Uhr; 1.2., 21.30 Uhr. Mehr unter: www.filmtage-mittelmeer.de

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