Wer klaut Räder der Flüchtlinge?

Traurig für die Kinder und den Syrer Amjad Salama: Was Bürger spendeten, ist verschwunden

09.09.2015 UPDATE: 10.09.2015 06:00 Uhr 1 Minute, 56 Sekunden

Als Ein-Euro-Jobber hilft Amjad Salama im Bauhof mit, etwa bei Arbeiten an der umgebauten Mehrzweckhalle.

Von Christiane Barth

Reichartshausen. "Ich lieben arbeiten. Lernen sprechen deutsch". Amjad Salama ebnet gerade das aufgewühlte Gelände um die Festhalle ein, denn für das umfangreiche Sanierungsprojekt heißt es jetzt Endspurt aller noch emsigen Gewerke.

Der 34-jährige Syrer, ein diplomierter Schweißer, der mit Frau und zwei Kindern in der Asylbewerberunterkunft, Hauptstraße 19/1, lebt, arbeitet seit April im kommunalen Bauhof aushilfsweise mit, weil er so am besten die Sprache lernt, weil ihm sonst langweilig ist und weil er sich nützlich machen will. Wie das ist? "Alles nett", sagt Amjad Salama in holprigem Deutsch. Er lernt schnell, während er mit den anderen Baumhofmitarbeitern die Grünanlagen um Festhalle, Rathaus und Kindergarten pflegt.

Die Hilfsbereitschaft der Bürger in Reichartshausen und in den Nachbargemeinden für die fünf Flüchtlingsfamilien, die seit Ende letzten Jahres in der Hauptstraße leben, ist nach wie vor groß, die Spendenbereitschaft ungebrochen. Vor wenigen Tagen jedoch wurden direkt vor der Haustüre der Flüchtlingsunterbringung zwei Fahrräder gestohlen. Eines davon war das von Amjad Salama. Während er bei der Arbeit war. Auch der Kindersitz ist weg. "Tochter hat geweint", erzählt er jetzt betrübt. Nicht der erste Diebstahl war dies. Auch zwei Kinderfahrräder wurden bereits gestohlen.

Thomas Niebl, einer der etwa zehn Helfer, die sich um die Familien (Tschetschenen, Kosovaren und Syrier) kümmern, ist verärgert. Die gespendeten, sportlichen Fahrräder hat er selbst flott gemacht, die Ersatzteile finanzierten die Asylbewerber aus eigener Tasche. Die Fahrräder wurden aus der gegenüberliegenden Garage entwendet. Sie war nicht verschlossen, auch die Mülltonnen sind dort untergebracht. Die Kinderfahrräder lagen dagegen im Freien, neben der Garage. Die Kinder hatten sie dort liegen lassen. Ebenfalls weg. Thomas Niebl will jetzt dafür sorgen, dass die Türen künftig abgeschlossen werden, auch jene des Hauseingangs.

Die 15 Kinder der Asylbewerberunterkunft sind zum Großteil in den Kindergärten und Schulen integriert. Mit dem Schulstart beginnt auch wieder der Deutschunterricht im Haus der Asylbewerber, den die Helfer für die ausländischen Mitbewohner organisieren. Amjad Salama ist mittlerweile der einzige der zehn in der Hauptstraße 19/1 untergebrachten Erwachsenen, der im kommunalen Bauhof mit anpackt. Er tut es sichtlich gern. "Ich möchte arbeiten", beteuert er immer wieder aufs Neue.

Wenn die Instandsetzungsarbeiten um die umgebaute Festhalle erledigt sind, stehen andere Arbeiten an wie die Einwinterung des Freibades oder Grünpflegemaßnahmen am Sportplatz. Bauhofmitarbeiter Harald Sauer ist für die Unterstützung dankbar: "Das klappt prima". Thomas Niebl bekräftigt: "Amjad tut es nicht wegen des Geldes. Sondern um die Sprache zu lernen und sich zu integrieren". Entlohnt wird auf Ein-Euro-Basis. 100 Stunden pro Monat darf der Syrer arbeiten, so wollen es die gesetzlichen Vorgaben.

Unterdessen kursieren im Dorf Gerüchte, dass weitere Flüchtlinge in Reichartshausen aufgenommen werden sollen. Für Bürgermeister Otto Eckert sind dies jedoch nichts anderes als Gerüchte. Von offizieller Seite, vom Landratsamt, sei ihm bislang nichts dergleichen bekannt. "Leer stehende Hallen haben wir in Reichartshausen nicht", so Eckert. Falls darüber hinaus private Gebäudeeigentümer mit dem Rhein-Neckar-Kreis wegen Flüchtlingsunterbringung Kontakt hätten, wisse er nichts davon. "Das geht an uns vorbei", so der Bürgermeister.

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