Weinheim

Abtreibungsgegner Klaus Günter Annen ging zu weit

Das Amtsgericht verurteilte den 70-jährigen Oberflockenbacher zu einer Geldstrafe.

15.02.2022 UPDATE: 16.02.2022 06:00 Uhr 2 Minuten, 51 Sekunden
Medizinerin Kristina Hänel trat in dem Prozess als Zeugin und Nebenklägerin auf. Foto: Kreutzer

Von Alexander Albrecht

Weinheim. Beinahe hätte Kristina Hänel den älteren Herrn mit der Schiebermütze und dem freundlichen Lächeln auf den Fluren des Weinheimer Amtsgerichts gar nicht bemerkt. Dabei verbindet Deutschlands wohl prominenteste Abtreibungsärztin mit ihm seit mehr als 20 Jahren eine denkbar schlechte Bekanntschaft: Klaus Günter Annen vergleicht auf seiner Website Schwangerschaftsabbruch mit dem Holocaust ("Babycaust") und hat die Gießenerin schon mehrfach ins Visier genommen.

Klaus Günter Annen lehnt Schwangerschaftsabbrüche kategorisch ab. Foto: Kreutzer

Der 70-Jährige aus dem Weinheimer Stadtteil Oberflockenbach hat die Gießenerin schon vier Mal erfolglos angezeigt, bezeichnet die "liebe Frau Hänel" im Internet als "Auftragsmörderin", wirft ihr verabscheuenswürdige Verbrechen und "Massenmord im Mutterbauch" vor. Daraufhin schaltete sich das Institut für Weltanschauungsrecht ein. Es zeigte Annen an – der wegen Beleidigung einen Strafbefehl kassierte, aber nicht akzeptierte. Deshalb kommt es am Dienstag zu dem Prozess, bei dem sich die Kontrahenten in dem holzvertäfelten Saal zum ersten Mal gegenübersitzen.

Vor Einzelrichterin Ellen Tillmann gibt sich Annen betont gelassen und fühlt sich unschuldig verfolgt. "Ich weiß, dass es für Frauen schwierig ist, wenn sie ungeplant schwanger werden", sagt er und fordert mehr Beratung. Mit dem Ziel, das ungeborene Leben zu schützen. Stattdessen würden in Deutschland pro Jahr offiziell 100.000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt, tatsächlich seien es drei Mal so viele. "Grausam" findet er das. Annen erklärt, sein Kampf richtet sich nicht gegen Hänel, sondern gegen das Unrecht der Abtreibung, das er als "Mordsgeschäft" bezeichnet.

Vor der Verhandlung hatten verschiedene Gruppen zu einer Kundgebung am Weinheimer Mahnmal für die Opfer von Gewalt, Krieg und Verfolgung aufgerufen und Vergleiche von Abtreibungen mit der Judenvernichtung verurteilt. Foto: Kreutzer

Bei seinen heftigen Aussagen bezieht sich der Rentner ("Wir lieben Kinder") auf Aussagen von Päpsten und sieht diese durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Doch wie weit darf diese gehen? Das wird zur eigentlichen großen Frage des Verfahrens. Tatsächlich fürchtet Hänel, Ziel eines Angriffs zu werden. "Vor mir müssen Sie keine Angst haben", meint Annen. Das nimmt ihm die Zeugin und Nebenklägerin auch ab – und schiebt ein trotziges "Der hätte auch keine Chance" hinterher. Trotzdem hat es Annen geschafft, sie tief zu kränken. Abseits des medizinischen Alltags.

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Hänel ist leidenschaftliche Klezmer-Musikerin, spielt Akkordeon und singt auch. Bei einer Veranstaltung anlässlich der Reichspogromnacht sollte sie am 9. November vergangenen Jahres einen Vortragsabend mit der Auschwitz-Überlebenden Eva Umlauf begleiten. Das bekam Annen mit und warnte die Organisatoren vor der angeblichen "Babycaust-Täterin". Sie hätte sich wegen der Nachricht vor Eva Umlauf sehr geschämt, berichtet Hänel. Der Abend kam dennoch wie geplant zustande, die Mitorganisatoren von der Lagergemeinschaft Auschwitz stellten sich auf die Seite der Ärztin.

Hänel spricht Annen ab, sie vor seiner Netzgemeinde angreifen zu dürfen. Nur weil die Ärztin selbst einmal die Öffentlichkeit gesucht hat. Seit vier Jahren kämpft Hänel juristisch dafür, über Schwangerschaftsabbrüche informieren zu dürfen, wie sie es über die Blutegeltherapie tut. Da sie ihre Patientinnen genau darüber informierte, wurde die Medizinerin im Dezember 2019 zu einer Geldstrafe von 2500 Euro verurteilt. Sie legte Revision ein und verlor. Aus Furcht vor Anzeigen löschte Hänel daraufhin die Infomaterialien von ihrer Webseite.

Bald könnten sie und ihre Kollegen wieder ihre Eingriffe erklären – und nicht nur auf neutrale Informationsseiten hinweisen. Der Bundestag befasst sich mit Abschaffung des Abtreibungsparagrafen 219 a, der "Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft" mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren belegt.

In ihrem Plädoyer, das Hänels Anwalt Christian Roßmüller später als "ausgezeichnet" lobt, lotet Staatsanwältin Melanie Reichert die Grenzen der Meinungsfreiheit aus. In der Abwägung zu den Persönlichkeitsrechten Hänels kommt sie zu dem Ergebnis, dass Annens Angriffe keine Schmähkritik seien, sondern die Bezeichnungen "Auftragsmörderin" oder "Massenmord" klar auf die Abtreibungen zu münzen seien. Somit liege eine schwerwiegende Ehrverletzung vor, die sich Hänel nicht bieten lassen müsse. Reichert beantragt eine Geldstrafe von 1200 Euro für den bereits schon einmal wegen Beleidigung verurteilten Annen. Der lebt nach eigenen Angaben von 730 Euro Rente im Monate und zahlt monatlich 100 Euro Schulden ab.

Ellen Tillmann schließt sich der Forderung und der Argumentation der Staatsanwältin an. "Es hätte Ihrer Kampagne keinen Abbruch getan, wenn Sie Frau Hänel namentlich nicht genannt hätten", hält die Richterin dem Angeklagten vor. Die Ärztin zeigt sich nach dem Urteil zufrieden, auch wenn sie sich gewünscht hätte, dass die Volksverhetzung ebenfalls verhandelt worden wäre. Sie stellt dafür einen anderen Vergleich an. Und sieht in Annen, wie einst die Philosophin Hannah Arendt im Prozess gegen NS-Verbrecher Adolf Eichmann, die "Banalität des Bösen" verkörpert.

Sie glaubt, dass der Abtreibungsgegner seinen Feldzug fortsetzt. "Aber ich bin froh, dass der Staat seiner Schutzfunktion gegenüber den Ärztinnen und Ärzten gerecht wird", so Hänel.

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