Endlich Schulkind

Erste Krisen nach der Einschulung gelassen nehmen

Endlich Schulkind sein! Viele Kinder freuen sich darauf. Doch nicht selten lässt nach den ersten Wochen in der Schule die Lust nach. Wie Eltern damit umgehen können und welche Routinen hilfreich sind.

10.07.2024 UPDATE: 10.07.2024 08:18 Uhr 3 Minuten, 12 Sekunden
Eltern sollten bei ersten Krisen Geduld zeigen. Anfängliche Unlust gibt sich meist nach den ersten Herbstferien, versichern Experten. Foto: Marcel Kusch/dpa-tmn​

Von Christina Bachmann

Der Schulbeginn gehört zu den größten Einschnitten im Leben. So vieles ändert sich im Vergleich zur Kindergartenzeit, das bekommen Erstklässler bald zu spüren. "Es gibt viel größere Verbindlichkeiten, Verpflichtungen und Regelmäßigkeiten als vorher", sagt Klaus Zierer, Professor für Schulpädagogik an der Universität Augsburg.

Alles stürmt geballt auf das Kind ein, bestätigt auch Svenja Telle, Grundschullehrerin in Wolfsburg und im Vorstand des Grundschulverbandes: "In der Kita hat man Schritt für Schritt eingewöhnt, aber in der Schule ist gleich alles neu: Kinder, Lehrkräfte, Abläufe." Konnte man im Kindergarten spielen, was man wollte, gibt es jetzt einen festen Stundenplan.

Routinen wirken sich positiv auf Erstklässler aus: So sollten Hausaufgaben immer zu einem festen Zeitpunkt gemacht werden. Foto: Mascha Brichta/dpa-tmn​

Ihr Appell an die Eltern lautet vor allem: Zeit lassen. "Und annehmen, dass für die Kinder alles erst einmal ziemlich anstrengend ist." So könne allein schon die Überforderung durch die neue Situation bei den Kindern nach ein paar Tagen oder Wochen eine gewisse Unlust auslösen.

Expertin prophezeit: Anfängliche Unlust gibt sich nach Herbstferien 

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Wirklich jeden Tag in die Schule gehen? Nicht mit mir! Hausaufgaben machen? Keinen Bock! Immer so früh aufstehen? Lass mich noch schlafen! Viele Eltern kennen diese Reaktionen ihrer frisch gebackenen Schulkinder. Doch Svenja Telle beruhigt: "Meist gibt sich diese Unlust nach kurzer Zeit wieder."

Als Klassenlehrerin einer jahrgangsübergreifenden Lerngruppe hat sie jedes Jahr neue Schulanfänger und -anfängerinnen und die Erfahrung gemacht: "Wenn die Kinder in den Herbstferien waren, kommen sie danach frisch erholt wieder und sind dann schon so richtige Schulkinder geworden, die alles kennen und sich in die neue Situation hineingefunden haben."

Eltern können in der Anfangszeit schauen, was an anderen Stellen vielleicht entlastet, schlägt Telle vor. "Manche Kinder machen wieder einen Mittagsschlaf. Oder manche Eltern stoppen erstmal andere Aktivitäten, damit es nicht noch Freizeitstress gibt." Wichtig ist, zu schauen: Was kann meinem Kind konkret helfen, den Anfangsstress zu meistern?

"Mir hat die Schule auch nie Spaß gemacht" ist ein Tabu-Satz

Ein mitleidiger Satz wie «Mir hat die Schule auch nie Spaß gemacht» wirkt nicht motivierend und sollte für Eltern tabu sein. Foto: Felix Kästle/dpa-tmn​

Motivierend und ermutigend ist es, positive Aspekte zu betonen: "Sie können Ihr Kind nach der Schule fragen, mit wem es heute in der Schule gespielt hat", sagt die Lehrerin. "Zeigen Sie Interesse und loben Sie auch: "Das hast du toll gemacht!"" Tabu sind dagegen Sätze wie "Mir hat die Schule auch nie Spaß gemacht".

Überhaupt: Viel nachfragen ist das A und O, bestätigt Klaus Zierer. "Nicht als Eltern so viel reden, sondern viel mehr zuhören. Kindern die Gelegenheit geben, zu berichten und sich zu erklären", rät Zierer. Letztlich sei das eine Win-win-Situation: "Das Kind lernt sich auszudrücken und die Eltern erfahren, was in der Schule los war."

Zudem seien Regeln und Rituale im Schulalltag ganz wichtig, betont Zierer. "Routinen geben Halt, Sicherheit und Geborgenheit." Dazu gehöre etwa, abends den Ranzen zu packen, rechtzeitig schlafen zu gehen, um pünktlich aufzustehen, und sich zu einer bestimmten Zeit zur Schule aufzumachen. Und natürlich die Sache mit den Hausaufgaben.

Regeln für Hausaufgaben: fester Zeitpunkt und keine Belohnung

"Am besten finden Sie einen bestimmten und festen Zeitpunkt nach der Schule, an dem die Aufgaben gemacht werden", sagt der Schulpädagoge. Direkt nach dem Nachhausekommen oder lieber nach einer Spielpause? Das lässt sich nicht pauschal sagen. Aber generell sollten die Aufgaben nicht zu weit nach hinten oder gar erst in den Abend geschoben werden, so Svenja Telle. Sie plädiert für eine ruhige Atmosphäre bei den Aufgaben: "Kein im Hintergrund laufender Fernseher und auch sonst keine Medien in der Nähe."

Oft hört die Lehrerin von Eltern den Satz: "Wir müssen noch Hausaufgaben machen." Dabei dürften sie hier ruhig den Kindern mehr Verantwortung überlassen. "Besser ist, das Kind selbst die Aufgaben machen zu lassen", sagt die Pädagogin. "Aber natürlich können die Eltern bei Fragen zur Seite stehen."

Von einem Belohnungssystem für Hausaufgaben rät Telle ab: "Die gehören einfach zum Schulalltag." Bei null Bock auf Hausaufgaben nutzt manchmal schon ein anderer Ort: "Warum sollte man sie nicht etwa auch auf dem Boden sitzend erledigen können?"

Kind braucht Signal: Eltern und Lehrkräfte sind ein Team

Möglicherweise kommt auch ein Kind mit den Aufgaben oder den Lerninhalten nicht klar. Dann kann ein Gespräch mit dem Klassenlehrer oder der Klassenlehrerin weiterhelfen – ebenso, wenn ein Kind die Hausaufgaben komplett verweigert. Für Kinder ist das Signal wichtig: Eltern und Lehrkräfte sind ein Team. Und gemeinsam können Ursachen erforscht werden: Ist das Kind möglicherweise über- oder unterfordert und was kann man tun?

Generell ist die Klassenleitung bei schulischen Problemen erster Ansprechpartner. Eltern kennen ihr Kind am besten und entscheiden, wann ein Gespräch nötig ist. Grundsätzlich dürfen sie aber bei einer Unlust ihrer Erstklässler und -klässlerinnen erst einmal gelassen sein und Ruhe bewahren, ermutigt Svenja Telle: "Vieles erledigt sich von selbst, wenn ein Kind sich an die Abläufe gewöhnt und vielleicht schon Freunde gefunden hat."

  • Walter Dorsch, Klaus Zierer: Schulkinder gleich Sorgenkinder? Kösel (2020), 224 S., 13,99 Euro, ISBN: 978-3-641-25104-8
  • Harald Lesch, Klaus Zierer: Gute Bildung sieht anders aus. Welche Schulen unsere Kinder jetzt brauchen. Penguin Verlag (erscheint September 2024), ca. 224 S., ca. 20 Euro, ISBN: 978-3-328-60361-0