Heidelberg

Neue Collagen von Rolf Buwing in der Stadtbücherei

Ein scharfer Cocktail wird serviert von der Willibald-Kramm-Preisstiftung.

13.02.2024 UPDATE: 13.02.2024 06:00 Uhr 2 Minuten, 7 Sekunden
Der Künstler Rolf Buwing erläutert die Details seiner Arbeiten in der Heidelberger Stadtbücherei. Foto: MR

Von Matthias Roth

Heidelberg. Die sorgsame Hängung fällt sofort ins Auge: Edle Rahmen, Passepartouts, entspiegeltes Glas — das sieht man heute eher selten. Da nimmt einer seine Arbeit sehr ernst, arbeitet selbst sehr genau und lässt keine Improvisation zu, ja versteht sein künstlerisches Tun auch als perfektionierte Handwerkskunst.

Rolf Buwin, Jahrgang 1946, ist Ur-Heidelberger. In der Weststadt ist er groß geworden und wohnt noch heute in der Kaiserstraße. Seine Oma sammelte leidenschaftlich Antiquitäten, wahrscheinlich hat das seinen Blick geschult. Zum Ende der Schulzeit – also vor rund 60 Jahren – begann er selbst zu malen. Später wandte er sich der Collage zu, die ihn bis heute beschäftigt.

In der Heidelberger Stadtbücherei kann man derzeit Arbeiten aus den letzten fünf Jahren bestaunen: Buwing at its best, kann man sagen, denn der Künstler, der lange als Lehrer tätig war, aber daneben immer künstlerisch arbeitete, hat eine große Affinität zu England, das er und seine Frau oft besuchten.

Wenn man Rolf Buwing bittet, Vorbilder zu nennen, die ihn in frühen Jahren anspornten, so kommt man schnell auf Picasso, Braque und Schwitters zu sprechen, die Klassiker der Collage und Erfinder des Kubismus und Dadaismus, vor allem aber ersten Vertreter eines eher experimentellen Kunstverständnisses. Buwing arbeitet bis heute mit Ausschnitten oder Ausrissen von Illustrierten, Zeitungen, alten Büchern oder Fotos, wie man es von diesen Pionieren kennt: Sein Atelier bestehe aus Bergen von Material, das darauf warte, verarbeitet zu werden. Die Arte povera, die Minimal Art oder Art trouvé, also Kunstrichtungen, die mit alltäglichen, serienmäßig verarbeiteten oder gefundenen Materialien experimentieren, prägten ihn ab den 1960er Jahren.

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Die Ausstellung selbst, von der Willibald-Kramm-Preisstiftung kuratiert, zeigt mit 21 Collagen jeweils sehr individuelle Formen und Techniken. Allen gemeinsam sind die sorgfältige Verarbeitung, die glatte Oberfläche und die originelle Zusammenfügung eigentlich unvereinbar scheinender Elemente, die inhaltlich kontrastieren, sich aber formal ergänzen. Das eine erwächst hier aus dem anderen – und nicht ohne Humor.

Am Ende ist alles fest miteinander verklebt. Die Übergänge sind so raffiniert, dass man zwei Mal hinsehen muss. Denn plötzlich versteckt sich zwischen Goethe und anderen bedeutenden Köpfen eine Sau, werden Schusspatronen zu Lippenstiften (oder umgekehrt) und ein Akkordeon geht mit dem Archaeopteryx eine muntere Liaison ein.

Die ersten fünf Arbeiten reduzieren das verwendete Material auf ganz weniges, das subtil miteinander verbunden ist: Ein scharfer Cocktail wird da zum Teil serviert. Die übrigen Collagen wirken eher altmeisterlich und füllen jeweils ein ganzes Blatt. Sie können aus 300 bis 400 Schnipseln bestehen. Darunter befinden sich auch Ausrisse aus historischen Büchern: Ist das kein Sakrileg, Stiche und Drucke aus dem 16. oder 17. Jahrhundert zu verwenden? "Nein", sagt der Künstler, "die Bücher werden durch eine solche Arbeit aus dem Vergessen geholt und verlängern ihr Leben durch die Verwendung als Bildmaterial."

Bemerkenswert sind die Korrespondenzen, die gerade solche Puzzleteile zu den sie umgebenden aufbauen. Denn hier ist nichts dem Zufall überlassen, auch wenn jede Vorbereitung zu einem neuen Bild erst einmal planlos geschieht. Aber während des Entstehungsprozesses findet jedes Detail seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Platz. Eine historische Heidelberg-Ansicht etwa trifft auf die Fotografie eines sehr verrußten Fußbodens, auf den das Wort "Staub" geschrieben ist: Eine ironische Anmerkung zur Heidelberger Geschichte, in der vieles unter den Teppich gekehrt wurde, das hier offenbar wieder zutage tritt.

Info: Willibald-Kramm-Preisstiftung in der Stadtbücherei Heidelberg, Poststraße 15, bis 12. März. Geöffnet Di.-Fr. 10-20 Uhr, Sa. 10-16 Uhr.

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