Waghäusel/Philippsburg

Alte Munitionslager wurden zu Naherholungsgebiet

Bis zur Jahrtausendwende lagerte im Philippsburger Waldgebiet "Molzau" Atommunition. Mittlerweile ist das Areal renaturiert.

04.01.2021 UPDATE: 06.01.2021 06:00 Uhr 3 Minuten, 6 Sekunden
Ein ehemaliger Wachturm, der als Relikt des Ost-West-Wettrüstens an den Kalten Krieg als Mahnmal erinnern soll. Foto: Of

Von Hans-Joachim Of

Waghäusel/Philippsburg/Graben-Neudorf. Noch bis Ende des Jahres 2000 gab es an vielen Stellen rund um Bruchsal in den Kommunen Kirrlach, Philippsburg oder Neudorf riesige, eingezäunte Munitionsdepots. Auch heute sind noch Spuren und Relikte des Kalten Krieges zu erkennen, wobei einige Gebäude auch eine zivile Nutzung erlebten und als Gewerbe- oder Industriegebiet umfunktioniert wurden. Im "Vierländereck" Kirrlach, Reilingen, Neulußheim, Oberhausen standen in den 1960er Jahren auf einem rund 100 Hektar großen Waldgelände am "Duttlacher Graben" insgesamt 70 Bunker und 30 Gebäude, wie der Kirrlacher Historiker Artur J. Hofmann berichtet. Heute erinnern ein Wachhäuschen und zwei Bunker, in denen Feuerwerkskörper einer regionalen Firma gelagert werden, an diese Zeit.

Der aus Waghäusel stammende Oberbürgermeister von Kirrlach, Walter Heiler, erinnert sich an seine Kinderzeit vor 58 Jahren, als er an dem im Aufbau befindlichen Munitionsdepot mit großem Respekt vorbeiradelte: "Es war ein verbotenes Gelände mit einem hohen Zaun und Stacheldraht sowie patrouillierenden Wachposten der Bundeswehr." Erst im Jahr 2011 wurde das Gelände am "Internationalen Tag des Waldes" in einem offiziellen Akt freigegeben und der Bevölkerung zugänglich gemacht.

Einige Jahre zuvor hatte der damalige SPD-Landtagsabgeordnete Walter Heiler eine Anfrage an den Stuttgarter Landtag gestellt. Er wollte wissen, warum die Landesregierung vor hat, alle intakten Bunker abreißen zu lassen und sie keiner zivilen Nutzung zuzuführen. Der damalige Minister Peter Hauk begründete den Abriss mit der Tatsache, dass die zum Rückbau des Bundeswehrdepots vorhandenen Gebäude im Staatswald Baden-Württemberg liegen und die Nutzungsvereinbarung zwischen Bund und Land nach Ende der militärischen Nutzung als Walderholungsgebiet in der Unteren Lußhardt zwischen Reilingen und Kirrlach dienen solle.

"Lediglich sechs Hektar Fläche mit dem ehemaligen Verwaltungs- und Technikbereich wurden vom Land für gewerbliche Zwecke verkauft", erklärt der 75-jährige Artur J. Hofmann. "Heute ist man froh, dieses Gewerbegebiet zu haben und sinnvoll zu nutzen." Alleine für die Erschließung des Geländes mit den Bunkern waren in den Jahren 1986 bis 1995 rund 25 Millionen Mark aufgewandt worden, hatte Minister Peter Hauk mitgeteilt.

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Was viele nachgeborene Menschen in der Region auch nicht wissen: Von 1963 bis 1997 hatte die Bundeswehr im Philippsburger Waldgebiet Molzau auf einer Fläche von rund 20 Hektar ein Raketenbataillon stationiert. 24 Bunker, in denen Atomsprengköpfe lagerten, wurden damals auf dem umzäunten Hochsicherheitsgebiet von 200 US-Soldaten und 2000 deutschen Bundeswehrangehörigen, die in der nahen Salmkaserne untergebracht waren, bewacht.

"Wie viele Atomgranaten, die mit Haubitzen abgeschossen werden konnten und gut 50 Kilometer Reichweite hatten, nach dem Nato-Doppelbeschluss von 1979 in Philippsburg lagerten, ist nicht bekannt", gibt Philippsburgs Bürgermeister Stefan Martus zu Protokoll. Interessante Randnotiz: Ein gewisser Joschka Fischer, der später als Außenminister politische Karriere machte, soll 1981 in Philippsburg mit dabei gewesen sein, um mit den Grünen und anderen Gleichgesinnten bei einer Sitzblockade gegen die Nachrüstung zu protestieren.

Nachdem der Rückbau des Munitionsdepots und damit die letzten Spuren des damaligen Kalten Krieges erst 2018 vollständig beseitigt waren, hatte der Rathauschef die interessierte Bevölkerung zu einer Besichtigung der ehemals militärisch genutzten Fläche eingeladen. Heute ist zu sehen, dass sich die Natur viel zurückgeholt hat. Neue Bäume, insgesamt 6000, wurden auf dem jetzt für alle Besucher zugänglichen Areal gepflanzt, Straßen für Radfahrer und Fußgänger befahr- und begehbar gemacht. "21 der insgesamt 24 Bunkeranlagen wurden in den vergangenen Jahren abgetragen und zurückgebaut. Der darüber liegende Sand, immerhin 20.000 Kubikmeter, wurde zu künstlichen Dünen aufgeschüttet", so Martus. Lediglich der Wachturm, baugleich mit den früheren DDR-Grenzpostentürmen, wurde als Mahnmal und Überbleibsel an das ehemalige Munitionsdepot stehen gelassen.

Einer der Bunker im Philippsburger Forst. Foto: Hans-Joachim Of

Einen weiteren Bunker bekam der städtische Bauhof zur Streusalzeinlagerung, einen anderen die Forstwirtschaft. "Man hofft, dass dort in absehbarer Zeit Fledermäuse einziehen", berichtet der Philippsburger Förster Christian Hautz. Die Kosten für den Munitionsdepot-Rückbau hatte Bürgermeister Stefan Martus schon vor längerer Zeit mit rund drei Millionen Euro beziffert, die Auslagen für die Nutzbarmachung des Kasernengeländes schlagen in gleicher Höhe zu Buche.

Heute informiert eine bebilderte Info-Tafel mit Fakten zum Thema "Vom Munitionslager zum Naherholungsgebiet". Dort heißt es unter anderem: "Von 2013 bis 2015 wurden im Rahmen der Renaturierung 24.000 Quadratmeter Straßenfläche, Zäune, zehn Gebäude sowie 21 Bunker zurückgebaut. Zudem wurden vier Feuchtbiotope und eine Sanddüne angelegt. Die rückgebaute Fläche wird schrittweise aufgeforstet und zum Laubmischwald entwickelt."

Dafür, dass der Mantel des Vergessens nicht über die Geschichte des Geländes und dessen Rolle im Kalten Krieg gehängt wird, sorgt der rührige Heimatverein Philippsburg. Auf der Waldgemarkung "Kammerforst" zwischen Neudorf und Karlsdorf befand sich früher ebenfalls ein umzäuntes, rund 88 Hektar großes, Munitionslager mit Soldaten der US-Army. "Es waren allerdings Litauer, die von den Amerikanern angestellt waren und in drei Schichten mit acht bis zehn Mann die Anlage bewachten", berichtet Reinhard Langlotz, Archivar im Rathaus der Gemeinde Graben-Neudorf.

Ort des Geschehens

Seit 1989 sind die Zeugnisse früheren Aufrüstens von dort verschwunden, doch noch heute zeugen breite, asphaltierte Wege von den damaligen Zufahrtsstraßen. Diese werden zunehmend von Radfahrern und Wanderern, die den Wald als Naherholungsgebiet schätzen, genutzt.

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