Eine Generationenfrage

Bestattungen ohne Sarg in Deutschland

Fast alle Bundesländer erlauben Bestattungen ohne Sarg. Aber wie lässt man einen Leichnam im Tuch würdevoll ins Grab? Das soll ein Test in Nürnberg zeigen.

16.11.2022 UPDATE: 20.11.2022 06:00 Uhr 2 Minuten, 27 Sekunden

Ein Herbstblatt liegt auf dem Neuen Ostfriedhof auf einem Grabstein. In fast allen Bundesländern können Tote inzwischen aus religiösen Gründen ohne Sarg bestattet werden. Auch Augsburg hat die städtische Friedhofssatzung geändert, um Bestattungen in einem Leichentuch auf dem Neuen Ostfriedhof zu ermöglich. Foto: dpa​

Von Irena Güttel

Zahlreiche Menschen versammeln sich vor dem frisch ausgehobenen Grab auf dem Nürnberger Südfriedhof. Dann öffnen die Friedhofsangestellten den Sarg und tragen den in ein weißes Tuch gehüllten Leichnam zum Grab. An langen Gurten lassen sie ihn vorsichtig hinab. Etliche der Zuschauenden machen mit ihren Handys Fotos, einige stehen diskutierend in Gruppen zusammen.

Bei der Bestattung handelt es sich nicht um eine echte, sondern nur um eine Demonstration. Im Leichentuch liegt ein Dummy, also eine menschengroße Puppe. Die Nürnberger Friedhofsverwaltung will an diesem Tag Vertretern muslimischer Gemeinden sowie Politikerinnen und Politikern zeigen, wie eine Tuchbestattung ablaufen könnte. Vor allem müsse eine Möglichkeit gefunden werden, die Toten auf eine würdige Weise im Tuch in das Grab herabzulassen und sie korrekt Richtung Mekka auszurichten, sagt Leiter Armin Hoffmann.

Bayern war im vergangenen Frühjahr eins der letzten Bundesländer, die die Sargpflicht aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen abgeschafft oder gelockert hatten. Nur in Sachsen und Sachsen-Anhalt gilt sie noch. Beide Bundesländer arbeiten aber eigenen Angaben nach gerade an einer Gesetzesänderung.

Die Lockerung der Sargpflicht richtet sich vor allem an Muslime, die ihre Verstorbenen in ein Leichentuch gehüllt beerdigen. Doch bisher wird die Bestattung ohne Sarg nach Angaben des Bundesverbands Deutscher Bestatter nur wenig genutzt. "Aktuell ist die sarglose Bestattung eine Nische", sagt Generalsekretär Stefan Neuser. Diese sei trotz der Gesetzeslockerungen nicht überall möglich. Am Ende entscheide das jede Kommune selbst, da es auch auf die Bodenverhältnisse auf den Friedhöfen ankomme.

Auch die Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas spricht noch von einem Randphänomen, sieht jedoch eine deutlich steigende Tendenz. "Grundsätzlich finden solche Bestattungen dort statt, wo die viele Muslime leben und wo es auch muslimische Grabfelder auf den Friedhöfen gibt - also eher in Großstädten", erläutert Aeternitas-Experte Alexander Helbach.

Während Nürnberg noch probt, haben Städte wie Köln und Berlin bereits jahrelange Erfahrungen mit Tuchbestattungen. In Köln ist das seit 2005 nach einem Antrag auf den muslimischen Grabfeldern auf zwei Friedhöfen möglich. "In etwa 8 von 10 Fällen erfolgt hier die Beisetzung im Leinentuch", sagt Sprecherin Nicole Trum. Rund 1100 Bestattungen ohne Sarg habe es schätzungsweise bisher in der ...

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