Flüchtlinge in Brasilien: Gestrandet im Paradies

In Brasilien erhalten Flüchtlinge keinerlei Hilfe vom Staat. Drei junge Menschen haben ZeitJung-Autorin Laura Geyer von ihrer Geschichte, ihrem neuen Leben und ihren Träumen für die Zukunft erzählt

23.02.2017 UPDATE: 24.02.2017 06:00 Uhr 4 Minuten, 43 Sekunden
Am Strand von Ipanema lässt sich leicht vergessen, dass das Land mit Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Armut kämpft. Und mittenhinein in diese Probleme kommen Menschen, denen es in ihrer Heimat noch viel schlechter geht. Die Flüchtlinge sind weitgehend auf sich selbst gestellt, dafür treffen sie in Brasilien auf Gutherzigkeit und Hilfsbereitschaft. Fotos (4): Laura Geyer

Von Laura Geyer

Sie wurden bedroht, vergewaltigt, ausgenutzt. Sie kamen mit dem Flugzeug oder versteckt in einem Frachter. Jetzt leben Khalid, Mariama und Zeeshan als Flüchtlinge in Rio de Janeiro und versuchen, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, einen Schulabschluss zu machen, das Zahnarzt-Studium wiederaufzunehmen, als Taubstummen-Übersetzer zu arbeiten.

In der Zwischenzeit leben sie im Hinterhaus einer Kirche oder zu zehnt in einer Wohnung und nehmen jeden Job an, den sie bekommen können. In Brasilien erhalten Flüchtlinge nämlich, anders als in Deutschland, keinerlei Unterstützung vom Staat.

Khalid, 28, arbeitete das erste Jahr in Rio wie ein Sklave. Deutschland wäre für seine Zukunft besser gewesen, sagt er, aber für Brasilien erhielt er ein Visum.

Khalid (28), Syrien

Khalid redet leise und mit Bedacht. Er lächelt viel, aber aus seinen Augen spricht Melancholie. Als Palästinenser war er sein Leben lang Flüchtling. In Syrien hat Khalid Zahnmedizin studiert. Dass er jetzt Essen verkauft, ist ihm peinlich.

Der Auslöser: "Einer meiner Brüder ist im Krieg gestorben. Den anderen hat die Polizei verhaftet. Er war zwei Wochen verschwunden, wir dachten, er wäre tot. Ich wollte überleben."

Die Flucht: "Ich wäre gerne nach Deutschland gegangen. Das wäre besser gewesen für meine Zukunft, und ich habe Verwandte und Freunde dort. Aber Brasilien hat es Syrern 2014 leicht gemacht, Visa zu beantragen. Ich hatte Kontakt zu einem Dentallabor in Rio. Beim brasilianischen Konsulat in Damaskus gab es Probleme, weil ich keinen syrischen Pass habe. Ich bin für 200 Dollar mit dem Taxi nach Beirut gefahren. Da habe ich das Visum bekommen und ein Flugticket gekauft."

Das neue Leben: "Als ich in Rio ankam, war die Situation sehr schwierig für mich. Hier bist du auf dich selbst gestellt, nicht wie in Deutschland. Ich fing in dem Labor an, für 330 Euro im Monat. Ich habe wie ein Sklave gearbeitet und konnte trotzdem nichts bezahlen. Nach einem Jahr bin ich zur Caritas gegangen und ins Flüchtlingshaus der Kirche gekommen.

Pater Alex ist heute mein bester Freund. Ich begann, arabisches Essen auf der Straße zu verkaufen. Damit verdiene ich besser und habe mehr Freiheit. Ich mache jetzt einen Sprachkurs. Wenn ich Unterricht habe, ist das wichtiger als die Arbeit. Meine Familie weiß nichts von dem Job. Wenn sie mich anrufen, sage ich: Alles ist gut, ich lerne Portugiesisch. Sie sollen sich keine Sorgen um mich machen."

Die Zukunft: "Ich will wieder an die Uni zurückgehen. In Syrien habe ich schon drei Jahre studiert. Vor kurzem hatte ich ein Gespräch an der Staatlichen Uni in Rio. Und ich habe den Aufnahmetest an einer Privatuni gemacht. Sie würden mir die Studiengebühren erlassen. Aber ich habe noch keine Ergebnisse.

Ich will kein Essen mehr machen. Ich bin 28 Jahre alt und weiß nicht mehr, wer ich bin. Ich weiß auch nicht, ob ich morgen jemanden hier kennenlerne, eine Familie gründe. Aber wenn ich die brasilianische Staatsangehörigkeit bekomme, ist das gut für mich. Damit kann ich auch wieder in ein arabisches Land gehen. Als Brasilianer, nicht als Palästinenser. Mein Problem in der Welt ist mein Ausweis."

Mariama ist 27, mit 13 wurde sie verheiratet. Vor drei Jahren versteckte sie sich in einem Schiff, das sie in die USA bringen sollte. 22 Tage später landete sie in Brasilien.

Mariama (27), Gambia

Mariama ist energisch und unwahrscheinlich positiv. Seit sie denken kann, hat sie gegen alles gekämpft, was ihre Kultur für sie vorgesehen hatte. Mariama wollte nur eins: Bildung. Dafür ist sie durch die Hölle gegangen.

Der Auslöser: "Als ich neun Jahre alt war, haben mich meine Eltern aus der Schule genommen. Ich war eine der Besten, ich habe nicht verstanden, warum ich aufhören sollte. Meine Mutter und ich haben viel gestritten. Sie hatte Angst um mich. In Gambia kannst du als Frau die beste Bildung haben - ohne Ehemann bist du wertlos. Bis ich 13 war, habe ich auf dem Feld gearbeitet. Dann wurde ich verheiratet. Ein Jahr später bekam ich meine Tochter."

Die Flucht: "Mit 15 habe ich meinen Mann verlassen. Ich wollte wieder zur Schule, aber meine Eltern unterstützten mich nicht. 2005 ergriff ich die erste Gelegenheit, das Land zu verlassen, ich ging nach Peru. Da habe ich Menschenhändler getroffen. Sie sagten: Wir bringen dich in die USA. Stattdessen haben sie mich vergewaltigt. In dem Moment habe ich aufgegeben und bin nach Gambia zurückgekehrt.

Aber wenn du aus dem Albtraum aufwachst, wirst du entweder eine stärkere Person oder du beendest dein Leben. Ich habe mich dafür entschieden, stärker zu sein. Vor drei Jahren ließ ich mich auf einem Schiff Richtung USA verstecken. Nach 22 Tagen landete ich in Rio."

Das neue Leben: "Die ersten Monate waren die Hölle. Es ist es für uns Flüchtlinge sehr schwierig, Arbeit zu finden. Ich war schon Verkäuferin, Friseurin, Englisch-Lehrerin. Was du machen kannst, machst du. Ich habe drei Geschwister in Gambia, sie bekommen jeden Monat Geld von mir. Ich begann auch, wieder zur Schule zu gehen. Aber die Sorge um meine Tochter wurde immer größer. Sie war in dem Alter, in dem ich geheiratet habe. Letzten Herbst hat eine Frau, die meine Geschichte gelesen hatte, ein Flugticket für sie gekauft. Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie hier ist."

Die Zukunft: "Mein Herz ist jetzt mehr bei meiner Familie. Weil ich auf gewisse Weise schon dabei bin, zu gewinnen. Meine Tochter will unbedingt zur Schule, aber sie muss erst Portugiesisch lernen. Ich habe es bei der amerikanischen und der britischen Schule versucht, aber ich kann die Gebühren nicht bezahlen.

Wenn ich ein Haus für meine Geschwister bauen könnte, wäre ich glücklich. Dann würden sie vielleicht verstehen, wie wichtig Bildung ist. Ich will beenden, was dort passiert. Die Frauen in meinem Alter haben vier, fünf Kinder. Und wie wird die Zukunft dieser Kinder aussehen?"

Zeeshan (27), Pakistan

Zeeshan ist 27 Jahre alt. In Pakistan haben religiöse Extremisten seine Familie verfolgt und bedroht. In Brasilien lebt er in Frieden und Glück, sagt er.

Zeeshan ist ein ruhiger Mann. Aber wenn er erzählt, geraten seine Hände in Bewegung. Kein Wunder: Er ist mit taubstummen Eltern aufgewachsen. Neben Gebärdensprache spricht Zeeshan fließend Urdu und Englisch.

Der Auslöser: "Ich gehöre der Ahmadiyya-Gemeinschaft an. Laut pakistanischer Verfassung sind wir nicht-muslimisch. Meine Frau Kubra ist Sunnitin. Als wir geheiratet haben, fingen religiöse Extremisten an, uns auf der Straße zu verfolgen, Nachbarn und Arbeitgeber gegen uns aufzuhetzen. Sie drohten, mich umzubringen. Am Anfang habe ich mich nicht darum gekümmert. Aber wir haben zwei Kinder, und als drei Bomben bei uns in der Nähe explodierten, bekamen wir Angst."

Die Flucht: "Ich habe alles ausgegeben, was ich hatte, um mein Land zu verlassen. Das Visum für Brasilien hat 30.000 Dollar gekostet, dazu kamen die Flugtickets. Mein Vater, mein Bruder, Onkel, Tanten und Großeltern sind in Deutschland. Ich wäre auch gerne dorthin gegangen, aber das wäre noch teurer gewesen."

Das neue Leben: "Als wir vor zehn Monaten in Rio ankamen, wohnten wir zuerst bei der Ahmadiyya-Gemeinde. Über die Caritas haben wir ein Zimmer bei der Kirche bekommen. Die Regierung hilft den Flüchtlingen nicht, aber die Menschen sind sehr gutherzig. Pater Alex gibt uns manchmal Windeln und Milch. Ich verkaufe arabisches Essen auf der Straße. Ich mag den Job nicht, aber wir brauchen Geld.

Bei der Arbeit habe ich eine Portugiesisch-Lehrerin kennengelernt. Sie gibt mir jetzt Unterricht an meinem Stand. Kubra kümmert sich um unsere Söhne. Nach der Arbeit teile ich mit ihr, was ich gelernt habe."

Die Zukunft: "Ich will wieder für Taubstummen-Organisationen übersetzen. Das ist mein Beruf. Ich mag ihn, wegen meiner Eltern. Der ,Punjab Sportverband für Taube‘ hat schon gefragt, ob ich Aufträge von hier aus übernehmen kann.

Außerdem möchte ich taubstummen Kindern korrekte Zeichensprache beibringen, mit Videos. Sie machen Fehler, so wie andere Kinder auch bei der Aussprache. Für beides brauchte ich einen Laptop. Die Caritas hat mir einen besorgt. Ich liebe die Brasilianer. Inzwischen fühlen wir, das ist unser Zuhause. Wir wollen nur in Frieden und Glück leben. Das tun wir hier."

Hintergrund

Arbeit statt Bildung für junge Flüchtlinge - Nur eine Asylunterkunft in Rio de Janeiro

Brasilien ist kein klassisches Flüchtlingsziel. Das größte Land Südamerikas hat selbst genügend Probleme: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, ein marodes Gesundheits- und

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Arbeit statt Bildung für junge Flüchtlinge - Nur eine Asylunterkunft in Rio de Janeiro

Brasilien ist kein klassisches Flüchtlingsziel. Das größte Land Südamerikas hat selbst genügend Probleme: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, ein marodes Gesundheits- und Bildungssystem. Viele junge Brasilianer träumen davon, auszuwandern. Und doch kommen immer mehr Menschen auf der Suche nach Schutz und einem besseren Leben hierher. 2015 waren es 28.670 überwiegend junge Afrikaner, Syrer, Pakistaner oder Lateinamerikaner.

Das ist natürlich kein Vergleich zu Deutschland, vor allem im Verhältnis zur Größe Brasiliens. Hier leben 206 Millionen Menschen auf 8,5 Millionen Quadratkilometern. Da müsste es doch einfach sein, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. Doch tatsächlich kümmert sich der Staat so gut wie gar nicht. Sobald ein Flüchtling den Asylantrag gestellt hat, erhält er eine Arbeitserlaubnis. Klingt erst mal gut. Aber einen Job zu finden, ist für Flüchtlinge noch viel schwieriger als für die Einheimischen. Die wenigstens sprechen Portugiesisch, Abschlüsse und Zeugnisse können sie erst anerkennen lassen, wenn das Asylverfahren abgeschlossen ist. Und das kann bis zu drei Jahre dauern.

Bis dahin sind sie auf Jobs angewiesen, die keine spezielle Ausbildung voraussetzen. Viele landen in sklavenartigen Arbeitsverhältnissen. Und viele fangen irgendwann an, Essen auf der Straße zu verkaufen. Portugiesisch lernen? Den Schulabschluss nachholen? An die Uni gehen? Das alles erfordert Motivation, Eigeninitiative und Geduld von den jungen Flüchtlingen. In der Millionen-Metropole Rio de Janeiro kümmert sich eine Organisation um sie: die Caritas. Es gibt nur eine Unterkunft mit 40 Plätzen, im Hinterhof einer katholischen Kirche. Wer dort keinen Platz kriegt, hat es schwer. Die Mieten in Rio sind hoch, die Arbeitslosigkeit auch.

Warum also ausgerechnet Brasilien? Tatsächlich ist das Land selten die erste Wahl. Die meisten Flüchtlinge wären lieber in die USA oder nach Europa gegangen. Viele Afrikaner kommen auf Frachtschiffen und landen ungeplant hier. Viele Syrer haben die erleichterten Einreise-Bedingungen genutzt. Und viele andere zahlen schlicht weniger für ein brasilianisches Touristenvisum. Allen Problemen zum Trotz finden sie hier auch etwas sehr Schönes: gutherzige, hilfsbereite Menschen. (lag)

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