Sound der Woche

Die Pet Shop Boys erlauben sich einen Hauch von Nostalgie

Reingehört haben wir auch bei Leyla McCalla, Waxahatchee, St. Vincent und Erlend Øye & La Comitiva.

26.04.2024 UPDATE: 26.04.2024 12:30 Uhr 3 Minuten, 10 Sekunden

Neil Tennant (l) und Chris Lowe von den Pet Shop Boys. Auf ihrem 15. Studioalbum "Nonetheless" zeigen die Pet Shop Boys erneut, dass sie in ihrem Genre eine Klasse für sich sind. Das Album soll am 26. April 2024 erscheinen. Foto: Alasdair Mclellan/Warner Music/dpa​

Von Steffen Rüth

"The Schlager Hit Parade" heißt einer der zehn neuen Songs auf dem 15. Studioalbum der auf unverkrampfte Art junggebliebenen Pet Shop Boys. Neil Tennant – im Juli wird er tatsächlich 70 – singt in der melodisch an die Beatles erinnernden Nummer über "Glühwein, Wurst and Sauerkraut". "In der Nähe unseres Berliner Apartments gibt es eine Bar, wo sie sehr gerne Schlager spielen", erklärt Tennant seine Feldforschung. "Wir gehen manchmal dorthin und genießen diese irgendwie lächerliche Musik." Im Lied selbst geht es jedoch weniger um die musikalisch-kulinarischen Vorlieben der Deutschen, als um die Konsequenz, mit der sie nach dem Krieg lieber nach vorne als in die Vergangenheit geschaut hätten – ein Gefühl, das die Pet Shop Boys nachvollziehen können."Einen Hauch von Nostalgie erlauben wir uns", sagt Tennant. "Aber wenn es zu viel wird, ziehen wir eine Art innere Notbremse." Chris Lowe, der gar nicht mal so schweigsame Schweiger der beiden, greift derweil noch mal feixend das Stichwort Schlager auf. Die Flippers seien seine Lieblingsschlagerband, meint der 64-Jährige. "Die Musik ist sehr gut produziert." Was seit 40 Jahren natürlich auch auf seine Band zutrifft.

"Nonetheless" haben die Pet Shop Boys mit James Ford (Arctic Monkeys, Depeche Mode) statt in Berlin in London aufgenommen. Und es ist ihnen vorzüglich gelungen, das typische Gleichgewicht zwischen Melancholie und Euphorie auszutarieren. Auf der einen Seite gibt es aufbauende Songs wie das 20 Jahre alte "Feel" oder "The Secret Of Happiness". Auf der anderen steht das wehmütige, an den allerersten Welthit "West End Girls" erinnernde "New London Boy", das von Tennants Umzug in die Hauptstadt handelt. "Ich kam Mitte der Siebziger von Newcastle nach London und entdeckte das Leben", erzählt er. "Wir probierten uns aus, färbten uns die Haare und wären gerne so cool wie David Bowie gewesen." Auch seine Homosexualität habe er damals entdeckt: "Mit einer Mischung aus Nervosität, Angst und Neugier – und sehr viel Spaß!" Die Single "Loneliness" beleuchtet die gelegentlichen Anflüge von Einsamkeit zu jener Zeit.

Auffällig sind auch die geschichtlichen Bezüge. "Feel" bezieht sich auf den britischen Doppelagenten George Blake, der in London aus dem Gefängnis ausbüxte und nach Moskau floh. Das poppige "Dancing Star" beschreibt den sibirischen Balletttänzer Rudolf Nurejew, der den umgekehrten Weg einschlug und bei einer Europareise auf dem Pariser Flughafen über die Absperrungen sprang. Ja, trotz aller Wehmut ist "Nonetheless" zuvorderst eine optimistische Platte. Das zeigt sich nicht zuletzt im hinreißenden Pandemie-Pop von "Why Am I Dancing". "Ich habe hemmungslos gerne allein in meiner Küche getanzt", blickt Tennant auf die Lockdown-Zeit zurück. "Ich hätte auch nackt sein können, und niemanden hätte es gestört ..."



 Sound der Woche

Leyla McCalla

Sun Without The Heat

Folk Karibische Rhythmen, Wärme, Zufriedenheit. Leyla McCallas neues Album "Sun Without The Heat" klingt nach gemütlicher Nachdenklichkeit an einem sonnigen Nachmittag. Begleitet von psychedelischem Gitarrensound wirken die Texte poetisch-spirituell: "One ear to the earth / one ear to the sky / reminds me that life is not a straight line." Lässig-jazzige Tracks wie "So I’ll Go" und "Tree" bieten Abwechslung vom Happy-go-lucky-Sound des restlichen Albums. Für manch einen Geschmack mag die Musik der haitianisch-amerikanischen Sängerin schon fast zu experimentell sein. Doch dass sie eine durchaus originelle Palette ungewöhnlicher Sounds bietet, lässt sich nicht bestreiten. (leha) ●●

Für Fans von: Allison Russell

Bester Song: Scaled To Survive


Waxahatchee

Tiger Blood

Indie Waxahatchee lässt jeden Song auf "Tiger Blood" so warm, so vertraut klingen, dass die Figuren in diesen kleinen Vignetten schon alte Freunde zu sein scheinen. Voller Sanftheit erzählt Katie Crutchfield von mentalen Spiralen, zerbrochener großer Liebe und dem diffusen Gefühl, immer ein bisschen verloren zu sein. Das alles kleidet die US-Amerikanerin in weichen Country, verbunden mit der radikalen Empathie von Indie-Rock-Kolleginnen wie Phoebe Bridgers. (han) ●●●

Für Fans von: Lucy Dacus

Bester Song: Lone Star Lake


St. Vincent

All Born Screaming

Alternative-Rock Es hätte groß werden können: Das neue Album von Amerikas Gitarren-Überfliegerin sprüht nur so von interessanten Ideen und Songs mit Ohrwurmpotenzial. Als experimentierfreudig kann man die Stücke dennoch nicht bezeichnen – zu gewollt wirken die Strukturen, zu blechern der Gesamtsound. Das zeigt sich etwa an "Hell Is Near", das in eine überproduzierte Soundeffekt-Orgie ausartet. Rühmliche Ausnahmen sind "All Born Screaming" und die Ballade "Violent Times". (juf)

Für Fans von: St. Vincent

Bester Song: All Born Screaming


Erlend Øye & La Comitiva

La Comitiva

Folk Ein Norweger trifft auf drei Sizilianer – heraus kommen lateinamerikanische Bossa-Nova-Grooves, die nach lauer Sommernacht klingen. Die Formation Erlend Øye & La Comitiva hat sich inzwischen eingespielt. Bereits 2016 traf der schlaksige Musiker (bekannt als The Whitest Boy Alive oder für Kings of Convenience) in seiner Wahlheimat auf eine Gruppe Straßenmusiker, nahm sie mit auf Südamerika-Tour und erfand sich damit neu. "La Comitiva" vereint jetzt die 13 besten Songs. Melancholische Gitarren, verträumte Posaunen und Flöten, ein wenig Italo-Disco und ganz viel Folklore beweisen, dass Stefano Ortisi, Luigi Orofino und Marco Castello weit mehr als nur eine Begleitband sind. (mpa) ●●●

Für Fans von: João Gilberto

Bester Song: Altiplano