Weinheim

Falsche Atteste aus Weinheim durch ganz Deutschland geschickt (Update)

Die Medizinerin soll vielfach Atteste gegen die Maskenpflicht ausgestellt haben, ohne Patienten untersucht zu haben.

24.11.2022 UPDATE: 24.11.2022 21:10 Uhr 2 Minuten, 37 Sekunden

Von Philipp Weber

Weinheim. Er trommelt, er schreit. Bis in den Gerichtssaal hört man ihn. Es ist einer der Demonstranten, die am Donnerstag vor dem Weinheimer Amtsgericht protestieren. Sie unterstützen eine Ärztin aus der Stadt. Die Anklage wirft ihr vor, zwischen Mai 2020 und Januar 2021 in 4374 Fällen unrichtige Gesundheitszeugnisse ausgestellt zu haben. Ihre Bürogehilfin sitzt wegen Beihilfe auf der Anklagebank. Bei einigen der Beteiligten besteht offensichtlich eine Nähe zur Querdenkerszene. Die Ärztin hat sich auf Demonstrationen und im Internet deutlich gegen die Coronaschutzmaßnahmen von Bund und Ländern positioniert. Im Frühjahr 2020 soll sie sich entschlossen haben, eine gesetzliche Ausnahmeregelung zu nutzen: Sie soll für Menschen aus ganz Deutschland Atteste ausgestellt haben, die die "Patienten" dazu berechtigten, aus medizinischen Gründen auf die Mund-Nasen-Bedeckung zu verzichten. Da es sich um "Privatrezepte" handelte, nahm sie über 28 000 Euro ein.

Wer ein Attest wollte, meldete sich zum Beispiel per Mail. Das jedenfalls geht aus elektronischen Schreiben hervor, die die Richterin Eva Lösche verliest. In einer Mail stellt sich ein Mann als Betreiber einer Gastronomie in Bayern vor und bittet für sich und seine Belegschaft um Atteste. Die passenden "Symptome" wie etwa "Atemnot" liefern er und andere – zum Teil auf Anraten der Ärztin – mit.

Die Ärztin arbeitet seit 1996 als niedergelassene Allgemeinmedizinerin. Als die Richterin sie fragt, ob sie sich zur Sache äußern wolle, erhebt sich die Medizinerin. Es folgt ein "Plädoyer" wider die Maske. Diese belaste den Organismus bis hin zur Lebensgefahr, löse Stressreaktionen aus und gefährde die Entwicklung ungeborener Kinder. Sie zitiert mehrere Studien.

Es gehe aber um ein rechtliches Problem, nämlich Atteste ohne vorherige Untersuchung, entgegnet Richterin Lösche. Und genau auf diesem Punkt ruht eine der Säulen, auf die sich die Strategie der Verteidiger Ivan Künnemann und Beate Bahner stützt. Er vertritt die Ärztin, sie die Gehilfin. Sie finden, dass keine körperliche Untersuchung nötig sei, um Menschen von der Maskenpflicht zu befreien.

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Im Zuge der Pandemie seien Patienten oft auf Grundlage von Telefonaten krankgeschrieben worden. Zudem hätten die "Maskensymptome" kaum im Zuge einer Untersuchung nachgewiesen werden können, argumentieren sie. Außerdem gehen sie – ebenso wie die Ärztin – von der Annahme aus, dass die Maske das Problem sei, nicht der Mensch. Will heißen: Der Mund-Nasen-Schutz sei gegen Corona so nutzlos und für die Gesundheit so schädlich, dass die Ärztin schon aufgrund ihres Berufsethos handeln durfte. Hier ist Verteidigerin Bahner, Fachanwältin für Medizinrecht, in ...

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