Wenn Tote den Lebenden helfen

Viele Menschen sind zu Körperspende bereit

Der menschliche Körper als Studienobjekt ist für Ärzte von unschätzbarem Wert. Kein Lehrbuch vermittelt so umfassende Eindrücke wie die Arbeit an einem Seziertisch.

22.05.2023 UPDATE: 22.05.2023 08:13 Uhr 3 Minuten, 24 Sekunden
Körperspenden helfen dabei, die menschliche Anatomie besser zu verstehen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa-tmn​

Von Christine Schultze

Sie spenden ihren kostbarsten Besitz für die Wissenschaft: Eine wachsende Zahl von Menschen ist bereit, ihren Körper nach dem Tod für Lehrzwecke einer Anatomie zur Verfügung zu stellen. Vor allem für Mediziner ist die Arbeit an Leichen ein unersetzlicher Baustein ihrer Ausbildung - um später Krankheitsdiagnosen und Todesursachen feststellen, Operationen und andere Behandlungen durchführen zu können. Universitäten sind deshalb dankbar für Körperspenden - doch vielerorts übersteigt die Zahl der Spendewilligen die Kapazitäten.

Die Anatomie der Justus-Liebig-Universität (JLU) in Gießen beispielsweise bekommt bereits seit einiger Zeit deutlich mehr solche Angebote, als sie annehmen kann. Rund 25 bis 40 Körperspenden benötigt man dort pro Jahr - bei einer dreistelligen Zahl von Anfragen und knapp 2100 Registrierten. Als Beweggrund gäben Interessenten in den meisten Fällen an, der Wissenschaft einen Dienst erweisen und den Medizinernachwuchs bei der Ausbildung unterstützen zu wollen, sagt Christina Nassenstein, Leiterin der Prosektur am JLU-Institut für Anatomie und Zellbiologie.

Den Körperspendeausweis sollten Spenderinnen und Spender zusammen mit dem Personalausweis bei sich tragen. Foto: Marijan Murat/dpa-tmn​

Ähnlich ist es in der Anatomie der Mainzer Universitätsmedizin. Um die 100 potenzielle Körperspender nimmt sie pro Jahr in die Kartei auf - für 2023 sei diese Zahl bereits Mitte Februar erreicht gewesen, sagt der Leiter der Prosektur der Mainzer Unimedizin, Sven Schumann. "Wir müssen leider viele Interessenten vertrösten, weil die Spendenbereitschaft so hoch ist." Grundsätzlich sei man aber froh um jeden, der sich meldet: Der menschliche Körper in seiner Vielfalt lasse sich auf diesem Weg am besten begreifen.

Hinzu komme: "Die Lehrbuchanatomie ist die Anatomie des jungen Körpers", vieles sei idealisiert dargestellt - doch mit dem Alter veränderten sich viele Details, was die Arbeit an den Körperspenden veranschauliche. Zudem könnten die Studierenden so das praktische, gemeinschaftliche und sorgfältige Arbeiten lernen und dabei auch ethische Erkenntnisse über den Beruf gewinnen, sagt Schumann.

Ist die Arbeit an den Toten in der Anatomie beendet, werden sie bestattet - in Gießen ist dafür auf dem Neuen Friedhof eigens ein Urnenfeld reserviert. Einmal jährlich findet dort eine Trauerfeier und Beisetzung statt, an der neben Angehörigen auch Studierende und Lehrende der Universität teilnehmen, darunter kürzlich die beiden Medizinstudentinnen Vanessa Thiemann und Helene Helm. Respekt und Dankbarkeit empfänden sie für die Toten und auch "eine Art Bindung", sagt Helm. Deshalb sei ihnen wichtig, dass die ...