Ukraine-Krieg

300.000 von 25 Millionen Reservisten sollen die Wende bringen

Was die russische Teilmobilmachung konkret bedeutet. Die Regionen sollen Befehl umsetzen.

22.09.2022 UPDATE: 22.09.2022 06:00 Uhr 1 Minute, 52 Sekunden
Putin schickte erneut Drohgebärden gegen den Westen. Experten sehen in seiner Teilmobilmachung eine Verzweiflungstat. F.: dpa

Von Hannah Wagner, André Ballin und Andreas Stein

Moskau. Insgesamt 300.000 Reservisten will Russland in die Ukraine schicken – rund doppelt so viele, wie Schätzungen zufolge dort bislang bereits kämpften. Sie sollen den Wendepunkt bringen. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was bedeutet die Teilmobilmachung konkret? Der Erlass zwingt Russen zur Kriegsteilnahme, die bislang – zumindest theoretisch – freiwillig war. Eingezogen werden sollen 300.000 Reservisten, und zwar ab sofort. Laut Angaben des Verteidigungsministeriums vom Mittwoch sind ehemalige Wehrpflichtige sowie Zeitsoldaten mit Mannschaftsdienstgrad im Alter bis 35 Jahre und Reserveoffiziere der unteren Dienstgrade bis 45 Jahre betroffen. In erster Linie sollen Männer mit Kampferfahrung und einer militärischen Spezialausbildung in den Krieg geschickt werden. Insgesamt gebe es 25 Millionen Reservisten in Russland, hieß es.

Wie soll dies durchgesetzt werden? Russlands Gouverneure wurden direkt angewiesen, die Einberufung in ihren Regionen zu organisieren. Zur Durchsetzung hat Putin zudem gerade erst mehrere Gesetze verschärfen lassen, um Fahnenflucht härter zu bestrafen. Außerdem dürfen wehrpflichtige Russen nach Putins Befehl ihren Wohnort laut Gesetz nicht mehr verlassen. Aus der Staatsduma hingegen hieß es, innerhalb Russlands könnten die Menschen trotzdem weiterhin ungestört reisen, Auslandsreisen seien aber nicht mehr zu empfehlen.

Was bezweckt Putin mit der Einziehung von Reservisten? Noch immer ist nur die Rede von einer "militärischen Spezial-Operation" in der Ukraine – und sie hat dem Kreml wohl bisher nicht annäherend das erhoffte Ergebnis gebracht. Nach sieben Monaten Krieg hat Russland zwar im Osten und im Süden der Ukraine größere Gebiete erobert, musste zuletzt aber auch eine herbe Schlappe im Gebiet Charkiw hinnehmen. Auch in anderen Regionen droht den russischen Besatzern die Kontrolle zu entgleiten.

Zudem sind die Verluste laut unabhängigen Beobachtern deutlich höher als die nun von Verteidigungsminister Sergej Schoigu eingeräumte Zahl von knapp 6000 toten russischen Soldaten. Vor diesem Hintergrund hofft Putin wohl, mit den nun mobilisierten Reservisten eine Wende auf dem Schlachtfeld herbeiführen zu können. Und er dürfte auch darauf spekulieren, dass seine jüngsten Drohgebärden die Ukraine und deren westliche Unterstützer einschüchtern.

Wie realistisch sind Putins ...