Heidelberger Theater

"Iolaos Mantikor" - fabelhafte Freunde mit heftigem Eigenleben

Uraufführung im Zwinger3: Regisseurin Yvonne Kespohl setzt Künstliche Intelligenz klug in Szene.

24.01.2023 UPDATE: 24.01.2023 06:00 Uhr 2 Minuten, 3 Sekunden
Simon (Leon Wieferich) und seine Avatare Mantikor (Maren Kraus, l.) und Iolaos (Hannah Hupfauer). Foto: Reichardt

Von Ingeborg Salomon

Heidelberg. Das wär’s doch: zwei Freunde, die immer für dich da sind, die dich verstehen bis in die letzte Gedankenverästelung und sich perfekt auf dich einstellen. Einfach fabelhaft! Simon hat solche Freunde, allerdings sind sie gesteuert von künstlicher Intelligenz – das bietet Chancen, macht aber auch Probleme. Der Dramatiker Markolf Naujoks hat "Iolaos Mantikor" im Auftrag des Heidelberger Theaters geschrieben, Yvonne Kespohl hat es jetzt im Zwinger3 auf die Bühne gebracht – und die Uraufführung wurde vom Publikum begeistert gefeiert.

Jugendliche ab 12 Jahre werden sich in Simon wiedererkennen: Leon Wieferich spielt ihn als einsamen Wolf mit großer Klappe und einem gewaltigen Aggressionspotenzial. Das tobt er aus in heftigen Wutausbrüchen, so zertrümmert er einem Klassenkameraden das Nasenbein und steckt auch mal eine Mülltonne in Brand. Dabei ist der 13-Jährige doch eigentlich schüchtern und würde gerne Höhlenforscher werden, wenn da seine Angst vor der Dunkelheit nicht wäre. Auch seine beiden Freunde Niko und Jasper wollen mit dem "Aggro-Freak" bald nichts mehr zu tun haben.

Doch glücklicherweise ist Ersatz zur Stelle in Gestalt von Iolaos (Hannah Hupfauer) und Mantikor (Maren Kraus). Benannt sind die beiden nach kraftvollen Gestalten aus der Mythologie: Iolaos war der Wagenlenker des Herakles, Mantikor ein persisches Mischwesen mit dem Körper eines Löwen, dem Gesicht eines Menschen und dem Schwanz eines Drachen.

Nur Simon kann sie sehen und hören, denn die beiden sind Avatare und begleiten ihn nun durch den Alltag. Sie stellen sich perfekt auf Simon ein, ahnen seine Gedanken, haben auf alles eine Antwort und weichen ihm nicht von der Seite. "Wir sind proaktiv wie der Joghurt", erklären sie und ernten damit im Publikum viel Gelächter. Das Trio demonstriert nun eindrucksvoll, wie sich Simons Leben, gesteuert von künstlicher Intelligenz, verändert. Lydia Huller hat Kostüme und Bühnenbild zurückhaltend gestaltet, es dominiert kühles Hellblau. Dafür spielen Musik und Technik eine große Rolle, es gibt gewaltige Projektionen von kämpfenden Rittern, die Simon in seiner Fantasie erlebt. Auch ein SMS-Wechsel mit seinem lebendigen Freund wird eingespielt; den lassen Iolaos und Mantikor mal eben verschwinden, weil er nicht in ihr virtuelles Konzept passt.

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