Start-up "envima"

Entsteht in Hochhausen die nächste SAP?

Das Start-up will die Evolution im Kontext nachhaltiger Wertschöpfung einleiten. Es gibt 130.000 Euro Förderung vom Bundeswirtschaftsministerium.

07.07.2024 UPDATE: 07.07.2024 04:00 Uhr 2 Minuten, 39 Sekunden
Lukas Dörner, Nikola Basar und Jonas Reibenspies (v. l.) verfolgen mit ihrem Green-Tech-Start-up „envima“ ein ambitioniertes Ziel. Auch kleine und mittelständische Unternehmen sollen von ihrer Innovation profitieren. Foto: Oesterreich

Von Caspar Oesterreich

Hochhausen. Seit diesem Jahr gilt eine neue EU-Richtlinie, die sukzessive bis 2028 immer mehr Unternehmen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtet. Die IHK Rhein-Neckar schätzt, dass sich mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) die Zahl der berichtspflichtigen Firmen in Deutschland um das Dreißigfache erhöhen wird.

Hohe Kosten und viel Personalaufwand sind mit der Umsetzung verbunden – vor allem kleine und mittelständische Unternehmen stellt die (baldige) Berichtspflicht vor enorme Herausforderungen. Für Abhilfe will ein junges Green-Tech-Start-up aus Hochhausen sorgen. Die RNZ hat zwei der drei Gründer und den ersten Angestellten von "envima" in ihrem Hauptquartier getroffen.

Das liegt zwar nicht in einer stereotypischen Garage, Start-up-Charme herrscht im einstigen Wohnzimmer der Großeltern von Firmengründer Nikola Basar dennoch. Wo jahrzehntelang der Fernseher stand, nehmen jetzt Schreibtische mit mehreren Computerbildschirmen viel Raum ein. Verlängerungskabel ziehen sich über das Parkett und schlängeln sich an einem Messe-Aufsteller vorbei. Das Ziel, einmal zu den ganz großen Playern zu gehören, haben die Jungunternehmer schon fest vor Augen. "Unsere Vision ist es, ähnlich wie SAP im Bereich des Datenmanagements, eine Evolution im Kontext nachhaltiger Wertschöpfung einzuleiten", sagt Basar.

In den nächsten 15 Minuten erklären er und seine Mitstreiter, Gründer Jonas Reibenspies und Nachhaltigkeitsmanager Lukas Dörner, wie das funktionieren soll. In jedem ihrer Sätze fallen Vokabeln wie Life Cycle Assesment, Lieferketten-Risikoanalysen, PEF- und OEF-Berechnung, Eco-Design, Office Templates und noch viele weitere mehr. Es geht um eine umfangreiche automatisierte Datenerfassung entlang der gesamten Wertschöpfungskette in Unternehmen, die zeitaktuelle Visualisierung aller Primärverbräuche und darum, "eine riesige Datenbasis so zugänglich zu machen, dass die Verantwortlichen in den Firmen eine echte Entscheidungsbasis haben", fasst es Reibenspies zusammen.

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Den EU-konformen Nachhaltigkeitsbericht liefert die Künstliche Intelligenz quasi als Nebenprodukt per Mausklick – egal, ob für ein Milliardenunternehmen oder einen kleinen 20-köpfigen Betrieb im Odenwald. Auch der CO2-Fußabdruck eines Produkts lässt sich, die Software erst einmal implementiert und mit ausreichend Daten gefüttert, ganz einfach berechnen. "Forschungsinstitute brauchen für den Carbon-Footprint eines Produktes sechs Monate und verlangt viel Geld dafür", sagt Basar und grinst. "Wir können diese wissenschaftliche Methodik kosteneffizient der Industrie zur Verfügung stellen."

Man merkt den Jungunternehmern schnell an, dass sie wissen, wovon sie sprechen. Alle drei haben Umweltnaturwissenschaften an der Universität Tübingen studiert und auch schon Einblicke in die Wirtschaft bekommen. "Gerade in größeren, börsennotierten Konzernen begegnet man den einzelnen ESG-Themen oft mit verschiedenen Abteilungen und hohem Personalaufwand. Und wir sprechen hier von Gehältern des mittleren bis oberen Managements", betont Lukas Dörner. "Wir bieten dagegen alles aus einer Hand – außer Greenwashing."

Der Nachhaltigkeitsgedanke ist den drei jungen Männern wirklich wichtig. "Unsere Methodik kann Firmen dabei helfen, eine nachhaltige Transformation ihrer Produkte einzuleiten und die Wertschöpfungskette so umzubiegen, dass daraus Kreisläufe werden", sagt Basar. Enorm wichtig sei dabei, die ökologischen Bestrebungen mit den ökonomischen Unternehmenszielen zu vereinen, ergänzt Dörner. "Grüne Ideen für schwarze Zahlen", lautet deshalb auch der Slogan des Green-Tech-Start-ups aus Hochhausen.

Überzeugt hat dieser Ansatz bereits das Bundeswirtschaftsministerium, das dem Start-up erst kürzlich mit dem Exist-Gründungsstipendium ein Startkapital von 130.000 Euro beschert hat. Obwohl Nikola Basar und seine Mitstreiter erst in diesem Jahr mit der Kundenakquise begonnen haben – gegründet wurde envima 2022 –, setzen schon sieben Firmen auf die innovativen Lösungen aus Hochhausen. Nach nur wenigen Monaten liegt der Umsatz des Start-ups bereits im mittleren fünfstelligen Bereich.

Selbst eines der größten nicht-börsennotierten Unternehmen in Deutschland wollte mit dem jungen Green-Tech schon zusammenarbeiten. "Wir haben abgesagt, da keine strategische Übereinstimmung über die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Lösung gefunden werden konnte", erzählt Reibenspies. Aktuell sei man vielmehr auf der Suche nach strategischen Partnern, um die Soft- und nun auch Hardware weiterzuentwickeln, das Nutzerinterface zu verbessern und an der ein oder anderen Stellschraube zu drehen.

Einen solchen Partner hat das Start-up in der Sigmann Elektronik GmbH aus Hüffenhardt gefunden. Hier wird auch die Hardware-Box produziert, die seit Kurzem auf dem Markt ist. Im Zählerkasten montiert und über verschiedene Schnittstellen mit zahlreichen Rohdaten gefüttert, soll sie die zentrale Quelle für die anschließenden Analysen und Unternehmensstrategien sein. Eine entscheidende Innovation, die sich auch ideal für den Bausektor eigenen soll, betont Nikola Basar. Durchaus möglich, dass Hochhausen in nicht allzuferner Zukunft so bekannt wie Walldorf ist.

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