Falle Selbstorganisation

Lässt sich im Leben alles vermessen und abhaken?

To-Do-Listen versprechen perfekte Selbstorganisation, Bucket-Listen Optimierung der Lebensziele. Warum man auf die Listen auch verzichten kann.

10.07.2024 UPDATE: 10.07.2024 08:18 Uhr 2 Minuten
Eine sogenannte Bucket-Liste. Foto: epd

Von Jürgen Blume

Berlin. Die Dresdner Psychologin Ilona Bürgel bekam viel Aufmerksamkeit, als sie vor fünf Jahren eine Woche lang auf ihre tägliche To-do-Liste im Job verzichtete. Es blieb nicht bei der Woche: "Heute schreibe ich sie gar nicht mehr, nur in Ausnahmesituationen."

Das Prinzip "To-do-Liste" scheine erst einmal sinnvoll zu sein: Kontrolle, sich gut fühlen, wenn man etwas geschafft habe. "Aber ohne Liste war ich auf einmal konzentrierter, wodurch sich die Themen auch stärker einprägten", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst.

Am Ende ihrer ersten Abstinenz-Woche war ihr klar geworden, "dass die Tendenz, Dinge so schnell wie möglich ’abzuarbeiten’, uns vom Wunsch, Dinge tatsächlich sinnvoll erledigen zu wollen, entfernt". Zudem habe sie durch das Loslassen von Kontrolle und Sorge erkannt, wie viele zuverlässige Partner sie habe.

"Die Neuzeit definiert sich über Quantität, darüber, dass Menschen wie Maschinen sind", sagt Bürgel. Aber: "Niemand kann niemals alles erledigen, To-do-Listen erzeugen nur die Illusion. Wir nehmen uns unrealistisch viel vor, das gibt uns das Gefühl, immer weniger Zeit zu haben. Um in dieser ’kürzeren’ Zeit mehr zu schaffen, nutzen wir To-do-Listen, ein Teufelskreis." Und das tolle Gefühl, etwas Erledigtes von der Liste zu streichen, werde geschmälert durchlaufend neue Einträge, die lähmen können. Der Fachbegriff dafür. Task Paralysis.

Auf ihrer Homepage listet Bürgel eine Reihe von Gründen auf, warum To-do-Listen am Arbeitsplatz ungeeignet seien, um Stress zu bewältigen. Dazu zählen: "Wir glauben noch immer daran, einmal alles geschafft zu haben", was nicht passieren werde, und "Das Gehirn merkt sich am liebsten Unerledigtes".

Trotzdem sind To-do-Listen im Alltag sicher für viele Menschen wichtig als Erinnerungsstütze und um ihre Aufgaben zu strukturieren. Während sie aufreihen, was man tun muss, enthält eine Bucket-Liste meist Träume – das, was man im Leben noch tun möchte. Dieser Drang nach "Lebenszielen" wird auch kommerziell ausgeschlachtet: ausdruckbare Listen mit Vorschlägen wie "ein Musikinstrument lernen" oder "einen Marathon laufen" gibt es etliche.

"Ziele sind wichtig für Menschen", sagt Alexandra Freund, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich. "Sie geben uns eine Richtung an, in die unser Verhalten gehen soll. Und Bucket-Listen geben ein Gefühl der Kontrolle und Priorisierung."

Unser Wirtschaftssystem erzeuge einen dauernden Mangelzustand. "Wenn wir etwas haben, wollen wir das nächste." Zwar sei es bei Zielen oft anders: Sei eines erreicht, etwa Abitur, könne ein anderes, Studium, darauf aufbauen. "Doch auch die Zielerreichung löst nur kurzes Wohlbefinden aus. Wir stecken in einer hedonistischen Tretmühle."

Für Freund ist der Weg zum Ziel entscheidend: "Ist der nicht gut, ist es das Ziel auch nicht." Warum vielleicht viel später alleine Marathon laufen, wenn ich jetzt schon mit Freunden wandern kann? Die Qualität des Weges sei maßgeblich dafür, ob uns eine Zielverfolgung zufrieden mache. "Die ganzen Ratgeber sagen, man solle sich immer auf das Ergebnis konzentrieren. Das ist falsch."

Der Vater der Philosophin Valerie Tiberius verschob zum 75. Geburtstag den Wunsch, noch Spanisch zu lernen, auf seine "Chuck-it-List" (Wirf-es-weg-Liste). "Er schien ein wenig wehmütig darüber zu sein, aber vor allem erleichtert", schrieb Tiberius in der "Washington Post" und riet dazu, nicht genau das zu verpassen, was nicht auf der Bucket-Liste stehe.