Gleich neben dem Museum liegt die Jesuitenkirche, die in der Weihnachtszeit ihren Schatz ausbreitet: die Krippe, die auf das Jahr 1618 zurückgeht. Sie ist ein Fest fürs Auge. 80 Figuren, bis zu einem Meter groß, erzählen mehrere Geschichten. "Die Krippe vermittelt einen hervorragenden Eindruck barocker Frömmigkeit, die das Weihnachtsgeschehen in die heimische Landschaft versetzt hat", unterstreicht Schedler. Die Heiligen Drei Könige erscheinen mit großem Gefolge, auf Pferden und mit einem Elefanten. Mindelheimer Bürger und Bauern streben in Tracht zur Krippe. Im Vordergrund reitet die Königin von Saba. Das reich dekorierte Kleid fällt genauso ins Auge wie ihr gelocktes Haar. Das bringt jedes Jahr eine Mindelheimer Friseurin in Form. Die Jesuitenkrippe verdankt sich einem hohen Maß an ehrenamtlicher Arbeit. Bürger sorgen für den Aufbau, reparieren und kümmern sich darum, dass das gerupfte Fell der Schafe ausgebessert wird. "Mindelheim ist eben eine Krippenstadt", bringt es der Museumsleiter auf den Punkt.

Der Weg durch das historische Zentrum mit seinen schmucken Bürgerhäusern und den stattlichen Türmen der alten Stadtbefestigung führt zur Pfarrkirche St. Stephan und ihrer Krippe. Hier sind es nicht weniger als 160 Figuren, die eine Vielzahl von Szenen aus Altem wie Neuem Testament präsentieren. Man entdeckt Moses in einem Binsenkorb und den von David hingestreckten Goliath, die Flucht aus Ägypten wie die Hochzeit von Kana. Ganzjährig ist die kleine Krippe im früheren Heilig-Geist-Spital zu sehen. Ein hundert Jahre altes mechanisches Spielwerk macht es möglich, dass das Jesuskind seinen Segen spenden kann. Auch Schaufenster der Altstadt sind mit Krippen dekoriert.

Höhepunkt des Wegs durch die Krippenstadt ist das 2018 komplett neu gestaltete Museum, das mit einem echten Superlativ aufwarten kann: dem ältesten Jesuskind. Die Holzfigur ist zwar nur 8,5 Zentimeter groß, aber ihr erst vor wenigen Jahren diagnostiziertes Alter – es stammt aus dem frühen 14. Jahrhundert – macht es zu einer kunsthistorischen Sensation. "Es war seiner Zeit weit voraus", unterrichtet Christian Schedler. "Zu jener Zeit wurden Kinder nicht wie Kinder dargestellt, das kam erst rund 200 Jahre später." Das Mindelheimer Jesuskind ist nackt, ruht im Schneidersitz und lutscht ganz in sich gekehrt an einem Finger, während die andere Hand einen Fuß umfasst. Es stamme aus einem Dominikanerinnenkloster in Leutkirch, so der Mindelheimer Kunsthistoriker. Sein Schöpfer sei unbekannt. "Die Figur ist der Beweis, dass die Wiege der Christuskindverehrung in Schwaben stand."

Seit der Wiedereröffnung stellt das Museum, das eine der ältesten Krippensammlungen in Deutschland besitzt, die Exponate nicht beziehungslos nebeneinander. Stattdessen werden sie theatralisch inszeniert und mit vielen Informationen als kulturgeschichtliches Phänomen vermittelt. So erfährt man an einer Hörstation, warum die Wittelsbacher ihre Krippe selber hergestellt haben. Die Ursprünge der Krippe werden ebenso beleuchtet wie neueste Auseinandersetzungen mit dem Thema – etwa in einem Zeichentrickfilm. "Das Krippengeschehen hat immer noch aktuelle Bezüge – leider", bemerkt Christian Schedler und verweist auf das Thema Vertreibung.

Die Krippenkultur ist in Mindelheim nicht nur im Museum und den Kirchen zuhause. Bei Werner Fuchs im Vorort Oberbach etwa steht ein ganzes Haus im Zeichen der Weihnachtsgeschichte. "Vor 45 Jahren habe ich angefangen zu sammeln", blickt der Senior zurück, der auch im Verein der Krippenfreunde aktiv ist. Früher, als noch jeder eine Krippe besaß, habe es die Tradition gegeben, seine Häuser zu öffnen, damit die Menschen sich die Krippen ansehen konnten. "Ich habe daran festgehalten", sagt Fuchs stolz und führt die Gäste durch sein mehrstöckiges Reich, in dem es von der figurenreichen Münchner Krippe im Orientstil bis zu einer amerikanischen Papierkrippe viel zu sehen gibt.

Krippentradition lebt nicht nur in Mindelheim, sondern auch in der Umgebung – besonders in den Klöstern. Die Benediktinerabtei Ottobeuren, deren Basilika mit barocker Üppigkeit wuchert, ist das Ziel vieler Reisender. Aber auch die Klosterkrippe mit mehr als 300 Figuren, teils noch in barocken Originalgewändern, und 230 Tierplastiken kann sich sehen lassen.

Die Franziskanerinnen im nahen Bonlanden folgen dem Vorbild ihres Ordensgründers, denn Franziskus hatte 1223 als Erster das Weihnachtsgeschehen von Menschen sowie mit Tieren darstellen lassen. Im Kloster haben die Schwestern den 16 Szenen mit bis zu 250 Jahre alten Figuren 160 Quadratmeter gewidmet. In Dämmerlichtatmosphäre bewegt man sich von der Prophezeiung im Alten Testament bis zur Episode mit der Frau am Jakobsbrunnen – nicht selten ins Schwäbische verlegt. Bei Führungen mit den Schwestern kann man in Erfahrung bringen, welche Rolle die Vierbeiner in der Bonlander Krippe spielen. Weitere Ausstellungsbereiche beschäftigen sich mit dem Leben des Heiligen Franziskus und dem Wirken des Ordens – inklusive Krippen aus den Missionsgebieten.

Im benachbarten Memmingen hat der Maler Josef Madlener zur Weihnachtszeit stets einen großen Auftritt. Der Künstler, der wie mit Kinderaugen malte, stammte aus der Gegend und hat sich mit seinen naiven, bisweilen kitschig-romantischen Weihnachtslandschaften bis in die USA eine große Fangemeinde erarbeitet. Im historischen Antonierhaus werden alljährlich im Advent Weihnachtsbilder von ihm ausgestellt. Im Innenhof stehen die großen Figuren der Madlener-Krippe, die nach Heimatmotiven des Malers angefertigt worden sind. Maria tritt als Bäuerin auf, dem Josef hat der Künstler sein eigenes Aussehen verpasst. Drinnen kaufen die Menschen Postkarten mit Weihnachtsbildern von Josef Madlener. Die Sehnsucht nach ein bisschen heiler Welt ist groß.