ie Schauspieler Gabriel Kemmether (l-r), Tobias D. Weber und Lucas Janson stehen bei der Generalprobe zur Urauführung von «Verschlusssache» am Theater Heilbronn. Die Inszenierung ist Teil des bundesweiten Theaterprojekts «Kein Schlussstrich!». Foto: Foto: Bjoern Klein/Theater Heilbronn/dpa
Heilbronn. (dpa) Die tödlichen Schüsse auf die Polizistin Michèle Kiesewetter scheinen auch mehr als 14 Jahre nach der Bluttat durch die Straßen Heilbronns zu hallen. Der Mord der rechtsextremen Terrorzelle NSU ("Nationalsozialistischer Untergrund") an der jungen Frau, die Schüsse auf ihren Kollegen auf der Theresienwiese haben die Stadt in ihrem Mark erschüttert. Für viele Heilbronner stellen sie eine Zäsur da, für einige werfen sie auch einen Schatten auf die Stadt.
Die Spuren nimmt nun das Theater Heilbronn im Rahmen eines bundesweiten Projekts auf. Unter dem Titel "Verschlusssache" (Uraufführung Freitag, 20.00 Uhr) setzen Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger Erinnerungen, Zeugenaussagen und Zitate aus Akten des Untersuchungsausschusses geschickt zusammen zu einem dichten Mosaik jenes Tages, der die Stadtgeschichte geprägt hat wie kaum ein anderer. Ein Theaterstück als Spiegelbild und Bühnen-Tagebuch der Stadt am Neckar.
"Dieses furchtbare Ereignis, am 25. April 2007, gehört sicherlich zu den einschneidendsten in der Nachkriegsgeschichte unserer Stadt", sagte Heilbronns Oberbürgermeister Harry Mergel zehn Jahre nach dem Attentat auf einer Gedenkveranstaltung. "Heilbronn stand tagelang unter Schock, die Anteilnahme der Bevölkerung war enorm."
Aber warum Heilbronn? Warum die beiden Polizisten, von denen eine Beamtin am helllichten Tag sterben musste? Waren sie Zufallsopfer? Und warum steigen die Täter in Zwickau in ihr Wohnmobil und fahren nach Heilbronn, um auf der belebten Theresienwiese zuzuschlagen - zumal die örtliche Polizei dort nie Pause macht? Wohl in keinem anderen Fall des NSU-Komplexes gibt es so viele Merkwürdigkeiten und offene Fragen.
"Wirklich Genaueres wissen wir selbst heute nicht", sagte SPD-Politiker Mergel damals. Und auch ein Marathonprozess gegen die überlebende Hauptangeklagte Brigitte Zschäpe, mehrere Untersuchungsausschüsse, Aktenberge und zahllose Zeugenaussagen haben nicht alle Fragen beantworten können. Das gilt, selbstverständlich, auch für die neue Heilbronner Inszenierung. Der Text spielt aber geschickt mit dem Mittel der Sichtweisen, wenn er ein halbes Dutzend Schauspieler in rund 30 Rollen schlüpfen und aus den dokumentierten Erinnerungen an jenen Tag und an die Folgen zitieren lässt.
Der Tag, der 25. April: Gegen 14 Uhr erschießen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt die 22-jährige Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter, sie verletzen deren zwei Jahre älteren Kollegen schwer. Es ist eine Tat in einer ganzen Serie von Gräueltaten des NSU. Die beiden Polizisten saßen in ihrem Einsatzwagen und parkten auf der Theresienwiese. Der Platz ist heute annähernd unverändert. Eine Gedenktafel erinnert an die Bluttat.
Dass sie zur Serie von Morden des NSU an acht türkisch- und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer gehört, stellte sich erst vor fast genau zehn Jahren heraus, als die Dienstpistolen der Polizistin und ihres Kollegen in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach entdeckt wurden. Die Rechtsextremisten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt hatten das Fahrzeug gemietet.
Zuvor hatten Ermittler auf Basis einer am Dienstwagen gefundenen DNA-Spur eine vermeintliche Serientäterin gejagt. Die "Frau ohne Gesicht" entpuppte sich 2009 als Mitarbeiterin eines Produzenten von Wattestäbchen, die Ermittler bei der Spurensuche nutzen. Im Gegensatz zu ihr hinterließen Mundlos und Böhnhardt am Tatort keine DNA-Spuren. Mit dem Fund der Waffen scheint ein Puzzle geschlossen. Seitdem ist die Polizistin das zehnte und letzte Opfer des NSU.
"Viele Heilbronner haben gesagt, die Tat sei ein Schock für sie gewesen", erinnert sich Autor und Regisseur Kroesinger an die Gespräche mit den Menschen in der Stadt. "Es hat die Wahrnehmung der Stadt als "Stadt des Polizistenmordes" geprägt." Starke und nach wie vor lebendige Erinnerungen habe jene Tat hinterlassen: "Das ist ein bisschen wie der 11. September für Heilbronn", sagt Kroesinger. "Sobald man fragt, kann sich jeder erinnern, wo er damals gewesen ist."
Von einem "Schockzustand" spricht auch ein Stadtverordneter in der Inszenierung, von einem "Ausnahmezustand". "Bedrohlich", sei es gewesen, "beklemmend, ein Gefühl der Ohnmacht", erinnert sich eine weitere "Stimme aus der Stadt". "Sie wissen nicht, was sie machen können. Es gibt keine Möglichkeit zu sagen, das hast Du schon mal erlebt."
Die Uraufführung von "Verschlusssache" ist Teil des bundesweiten Theaterprojekts "Kein Schlussstrich!". Theater aus ganz Deutschland setzen sich darin bis zum 7. November mit dem Terror des NSU auseinander. Sie planen Theateraufführungen, Tanztheater, Live-Hörspiele, Konzerte, Lesungen, Diskussionen, Ausstellungen, Workshops und eine Vielzahl weiterer Veranstaltungen. Dabei sollen vor allem die Perspektiven der Familien der Opfer und der Migranten-Communities in den Fokus gerückt werden.