Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde um die Pfarrer Steffen Groß und Franziska Beetschen zeigten Solidarität auch mit der Mannheimer Pfarrerin Ilka Sobottke, die seit ihrem „Wort zum Sonntag“ Anfeindungen ausgesetzt ist. Darin hatte sie für das Impfen geworben. Foto: Lenhardt
Von Volker Widdrat
Schwetzingen. Die Stadt war am Samstagnachmittag erneut Schauplatz für eine Demonstration von Corona-Verharmlosern, organisiert von der Gruppe "Offene Gesellschaft Kurpfalz". Zwei Wochen nach einer ersten Veranstaltung auf den Kleinen Planken, trafen sich die etwa 70 Teilnehmer dieses Mal auf dem Alten Messplatz. Der angemeldete "Aufzug", wie es auf dem Ankündigungsplakat zu lesen war, stand unter dem Motto "Wie wollen wir leben? Gesamtgesellschaftliche Abwägungen in freiheitlichen Demokratien".
Der Zug bewegte sich über die Wildemannstraße in Richtung Kleine Planken. Um das Grundrecht der Versammlungsfreiheit zu garantieren, waren Pascal Seidel, Yvonn Rogowski und Walter Leschinski vom Ordnungsamt vor Ort. 40 Polizeibeamte um Revierleiter Michael Fahrer sicherten die Veranstaltung ab und sorgten dafür, dass die Protestaktion ungestört ablaufen konnte. Acht Streifenfahrzeuge waren dafür im Einsatz.
Auf der Treppe der evangelischen Stadtkirche entrollten Gemeindediakonin Margit Rothe sowie Pfarrerin Franziska Beetschen und Pfarrer Steffen Groß in Talaren ein Transparent mit der Aufschrift "Impfen = Nächstenliebe". Damit wolle man ein Zeichen setzen gegen Fake-News und Hassbotschaften, sagte Beetschen unserer Zeitung: "Wer sich impfen lässt, schützt nicht nur sich, sondern auch seine Nächsten und die Gesellschaft insgesamt. Impfen als Ausdruck der Nächstenliebe."
Die friedliche Aktion sei kurzfristig ausgemacht worden, meinte Groß: "Wir wollen vor allem denjenigen Rückendeckung geben, die in unserer Kirche gerade im Kreuzfeuer der Kritik stehen, weil sie dasselbe sagen." Gemeint war vor allem die Mannheimer Pfarrerin Ilka Sobottke, die im "Wort zum Sonntag" der ARD ebenfalls das Impfen als Akt der Nächstenliebe beschrieben hatte und danach unzählige Hassmails und Drohungen erhalten hatte. Die Kirche stehe für gesellschaftliche Solidarität und den Schutz von Menschenleben ein, so Groß: "Nächstenliebe bedeutet heute nichts anderes, als sich impfen zulassen."
Die Demonstranten zogen zum Bahnhofsvorplatz. Dort gab es Reden. Foto: LenhardtFelix Lindenmeier, der 16-Jährige ist in der evangelischen Jugend und als Mitorganisator der "Fridays for Future"-Proteste aktiv, wollte zeigen, "dass es auch Leute gibt, die die Pandemie als gefährlich ansehen". Pöbeleien von Umzugsteilnehmern gegen die Kirchenvertreter blieben nicht aus. "Was hat Glaube mit Impfen zu tun", wurde ihnen entgegengehalten.
Eine Frau und ein Mann wollten partout keine Maske tragen und lehnten auch das Angebot ab, eine Mund-Nase-Bedeckung anzunehmen. Das Paar wurde von der Polizei aus dem Zug hinausbegleitet. Die Teilnehmer trugen T-Shirts mit dem Aufdruck "Keine Impf-Apartheid" oder "Aufwachen, hinterfragen, aufstehen". Auf Schildern war "Vorsicht Mensch" oder "Lockdown sofort beenden" zu lesen. Masken wurden "unter Zwang" getragen. "Frieden, Freiheit, keine Diktatur" und "Schweigen ist Zustimmung" skandierten die Teilnehmer, als sich der Demonstrationszug über die Heidelberger Straße zur Clementine-Bassermann-Straße und über die Carl-Theodor-Straße in Richtung Bahnhofsanlage bewegte.
Er wolle nicht, "dass Schwetzingen zum Wallfahrtsort für Querdenker wird", meinte Florian Reck, der ehemalige Landtagskandidat für "Die Linke" in Baden-Württemberg. Er sei auch kein Befürworter von allen Maßnahmen und leide selbst unter dem Lockdown. Es sei aber paradox, dass gerade jetzt, wo Lockerungen in Aussicht stünden, "so eine Veranstaltung so einen Zulauf erfährt".
Organisator Achim Kupferschmitt brachte den ersten von einigen Redebeiträgen im bekannten Duktus bisheriger Demonstrationen. Er kritisierte die "unsägliche Beschlussfassung" des Deutschen Ärztetages. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek warf er "Dummheit" vor. Es gehe vor allem um "Profitinteresse" statt um die Gesundheit von Kindern. Eine junge Rednerin kritisierte, dass "die Freiheitsbeschränkungen" nicht verhältnismäßig seien. Ein junger Mann sprach vom "Zeitalter der Hypochondrie". An diesem Nachmittag war öfter die Rede von "Diktatur der Angst" und von "Freiheitsverlust" – gängige Schlagwörter der "Querdenker"-Bewegung.
Dass die neue Corona-Verordnung des Landes verschiedene Lockerungen bringt und ab Mittwoch wieder die Gaststätten im Innen- und Außenbereich öffnen dürfen, wurde mit keinem Wort erwähnt. Dagegen will Kupferschmitt weitermachen. Er könne sich eine dritte Protestaktion in Schwetzingen vorstellen, sagte er.