Das heißt, in Heidelberg wurde bislang noch kein Patient mit Blutplasma behandelt?

Im Rahmen unserer Studie nicht. Allerdings haben wir bei zwei Patienten einen sogenannten individuellen Heilversuch mit Blutplasma von genesenen Covid-19-Patienten gemacht.

Was genau heißt das?

Das bedeutet, wir haben es einfach ausprobiert.

War das erfolgreich?

Das ist schwierig zu beurteilen, da es sich hier um schwere Verläufe handelte und wir das Blutplasma zu einem Zeitpunkt gegeben haben, zu dem die Erkrankung bereits weit fortgeschritten war. Inzwischen zeigen neue Studien aus den USA und aus China, dass Blutplasma mit Antikörpern vor allem dann hilft, wenn man es früh gibt – und das Virus so im Keim ersticken kann.

"Früh" – das heißt in welchem Stadium der Krankheit?

Bei anderen Studien der Johns-Hopkins-Universität und der Oxford Universität wird das Plasma noch früher, direkt nach der Exposition, also nach dem Erstkontakt mit einer mit dem Coronavirus infizierten Person, verabreicht, damit der Körper der gesunden Person sofort Antikörper zur Verfügung hat. In unserer Studie wird das Plasma gegeben, wenn die Patienten Covid-19 haben, aber noch nicht so krank sind, dass sie auf die Intensivstation müssen. Dann kann das Immunsystem noch schnell und gut reagieren. Nach allem, was wir bislang über das Virus wissen, ist es so, dass es selbst in der Frühphase den größten Schaden anrichtet und es in der Spätphase eher das Immunsystem selbst ist, das den Körper schädigt.

Das Immunsystem richtet sich also gegen den eigenen Körper?

So wie es derzeit aussieht, befällt und zerstört das Virus am Anfang die Zellen, das löst die Immunreaktion aus und macht auch die Symptome. In diesem Stadium wirken Medikamente, die sich gegen das Virus richten, so wie Plasma von Konvaleszenten. Danach scheint in manchen Fällen das Immunsystem der Patienten überbordend zu reagieren, obwohl man das Virus kaum mehr nachweisen kann. Deshalb wird in der Spätphase der Erkrankung häufig auch Dexamethason gegeben – ein Medikament, welches das Immunsystem beruhigt.

Welche Risiken gibt es denn bei der Gabe von Blutplasma?

Die Risiken sind im Allgemeinen sehr gering. Man braucht einen venösen Zugang, es kann also lokale Reaktionen geben. Ansonsten kann der Patient möglicherweise allergische Reaktionen, Gerinnungsstörungen oder Infektionen bekommen, aber das ist extremst selten.

Wenn die Risiken so gering sind – weshalb wird dann nicht jetzt schon viel häufiger Plasma gegeben?

Weil wir Studien benötigen, welche die Wirksamkeit belegen. Wir müssen genau wissen, für wen es wie am besten wirkt. Denn der Aufwand, dieses Plasma zu gewinnen, ist enorm, deshalb muss es auch fokussiert eingesetzt werden. Zudem benötigen wir immer noch Spender.

Wie viele Personen haben denn bereits Plasma gespendet?

Wir haben seit März über 300 mögliche Spender aus dem Rhein-Neckar-Kreis untersucht. Das ist gut, aber es reicht nicht, um den Bedarf an Plasma für die Studie zu decken. Gerade jetzt, wo wieder mehr Menschen erkranken, würden wir uns freuen, wenn diese sich zum Spenden melden würden. Denn mittlerweile weiß man, dass Menschen, die gerade erst von der Erkrankung genesen sind, die besten Spender sind. Die Virologie am Uniklinikum hat dazu Tests entwickelt, die anzeigen, ob die Antikörper im Blut der Patienten das Virus auch tatsächlich ausknocken können. Dabei zeigte sich, dass die Antikörper frisch nach der Erkrankung am effektivsten sind.

Darf man hoffen, dass durch Blutplasma das Virus besiegt werden kann?

Ich würde die Studien nicht machen, wenn ich keine Hoffnung hätte. Ich denke, da ist großes Potenzial. Diese Behandlungsmethode kann dennoch nur eine Brücke sein, bis wir einen Impfstoff und andere Therapien haben. Sie ist nicht die ultima ratio, aber etwas, was jetzt zur Verfügung steht, was sicher ist und gerade vielen älteren Patienten und Hochrisiko-Patienten helfen könnte.

Im März sagten Sie im RNZ-Interview, der Kampf gegen das Coronavirus werde kein Sprint, sondern ein Marathon. Wie viele Kilometer haben wir denn schon geschafft?

Wenn man die Gesamtstrecke betrachtet, in der das Coronavirus unser Leben substantiell beeinflusst, würde ich sagen, ein Drittel, maximal die Hälfte. Ich mache mir große Sorgen um den Winter, wenn die Fenster geschlossen sind und alle drin sind. Umso wichtiger ist es, weiter die Hygiene- und Abstandsregeln zu befolgen und nicht zu vergessen, dass das Virus noch da ist.

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