Doch wo anfangen? Städte waren schon immer Orte, die gesellschaftliche Veränderungen anstoßen, an denen Experimente gewagt werden, die verschiedenen Identitäten Raum geben. Warum also nicht hier ansetzen, in Heidelberg, einer Stadt die längst von People of Color (POC) getragen wird. Sie arbeiten hier, ziehen ihre Kinder groß, gehen zur Schule, studieren, engagieren sich, gestalten unsere Stadt – Heidelberger*innen eben. Ein erster Schritt kann bereits darin bestehen, das anzuerkennen.

Ich wünsche mir von unserer Stadt, dass "wir reden mal über Rassismus" keine Phase ist, die nach zwei Wochen endet. Ich wünsche mir, dass sie Mut aufbringt, Unsicherheit zu wagen, die richtigen Fragen zu stellen. Ich wünsche mir, dass Heidelberg zuhört, ehrlich zuhört.

Ich wünsche mir ein Heidelberg, in dem POC auf allen Ebenen des städtischen Lebens sichtbarer sind und an Entscheidungsprozessen teilhaben. Ich wünsche mir ein Heidelberg, das seine Kolonialgeschichte und deren Spuren im Stadtbild aufarbeitet. Ich wünsche mir ein Heidelberg, dessen Schulen Rassismus im Unterricht behandeln, das Beschwerdestellen für von Rassismus betroffene Menschen ausbaut. Ich wünsche mir einen Gemeinderat, in dem mehr Politik für POC von POC gemacht wird. Ich weiß, das sind viele Wünsche.

Aber vielleicht bietet dieses Jahr, in dem die Schlossbeleuchtung ausfällt, die Chance, Rassismus zu beleuchten. Der ist zwar nicht so schön, aber er ist ebenso Teil dieser Stadt wie ihr Schloss.

Ein solches Beleuchten soll die Reihe ,Von hier' darstellen, deren Auftakt dieser Text ist. Sie soll das Spotlight auf Menschen richten, die sehr unterschiedliche Strategien in ihrem Umgang mit Rassismus entwickelt haben und daran erinnern, dass die Menschen, die von Rassismus betroffen sind, selbst sehr unterschiedlich sind. Sie soll Ihnen die Chance geben, zuzuhören und zu lernen. Ich habe oben geschrieben, was ich mir von Heidelberg wünsche. Und wenn ich Heidelberg meine, dann meine ich eben nicht nur das Schloss oder die Alte Brücke, sondern die vielen Menschen, die hier leben: Ich meine Sie. Lassen Sie andere Perspektiven zu, hinterfragen Sie, welche Stimmen in dieser Stadt Gehör finden. Dazu gehört auch, sich die unbequeme Frage stellen zu müssen, inwiefern Sie selbst zum System Rassismus beitragen.

Es gibt unendlich viel zu erzählen. Aber wir müssen auch endlich anfangen, etwas zu ändern.

Evein Obulor, 25, ist Gründerin des Migration Hub Heidelberg, einem Netzwerk zur Stärkung des Engagements von Menschen mit Migrationsgeschichte. Sie lebt im Stadtteil Bergheim und arbeitet freiberuflich im Bereich Antirassismus und Empowerment. Seit März 2020 koordiniert Obulor die Europäische Städtekoalition gegen Rassismus der Unesco beim Amt für Chancengleichheit der Stadt Heidelberg.

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