Im Naturschutzgebiet am Altneckar lässt sich offenbar ein gutes Waschbären-Leben führen. Das weiß auch Nidal Saghir, Biologe und Jäger. "Man muss hier nicht lange suchen, bis man einen Waschbären sichtet", erklärt er. Und zwar nicht nur in Flussnähe, sondern auch "im urbanen Bereich", wie es Saghir ausdrückt. Wie viele von den Tieren es genau in Heidelberg gibt? "Das weiß keiner", so der Biologe. Eine systematische Erfassung jedenfalls gebe es nicht. Klar ist: Es werden mehr. Und damit nehmen auch die Probleme zu.

Was Waschbären dabei besonders gefährlich macht: "Sie sind sehr geschickt und ausdauernd", erzählt Saghir. Soll heißen: "Sie fingern so lange an etwas herum, bis es sich öffnet." Von einer Wieblingerin habe er sogar schon einmal erfahren, dass ein Waschbär in ihr Haus eingedrungen sei und dort "umdekoriert" habe, wie die Frau es beschrieben habe. Nach dem "Einbruch" jedenfalls war der Kühlschrank geplündert: Der Waschbär hatte es tatsächlich geschafft, ihn zu öffnen.

Doch Waschbären fressen nicht nur Kühlschränke von Wieblingern leer, sie machen sich auch über verschiedene bedrohte Tierarten im Naturschutzgebiet her. Bevorzugt fressen sie Gelbbauchunken oder auch Kreuzkröten, die in Deutschland auf der roten Liste stehen. "Sie fressen das Innere und lassen das Äußere zurück", erzählt Saghir. Kein schöner Anblick, weiß der Jäger – und zeigt beim Vor-Ort-Termin Fotos, die erschreckend sind. "Das ist die Wahrheit", sagt Saghir.

Doch auch Eidechsen, Eier von Busch- und Bodenbrütern, Flussuferläufer und seltene Vögel, die gerade flügge wurden, sind vor Waschbären nicht sicher. Auch deshalb unterliegen die cleveren und anpassungsfähigen Raubtiere dem Jagdrecht. Das heißt: Sie dürfen und sie sollen in der gesamten Bundesrepublik gezielt bejagt werden. Das übergeordnete Ziel: Das Waschbär-Vorkommen zu dezimieren, um andere Arten zu schützen.

Volker Rutkowski und Nidal Saghir (v.l.) zeigen die Falle, mit der in Wieblingen die Waschbären gefangen werden. Anschließend werden die pelzigen Tiere mit einem Schuss getötet. Als gebietsfremde Arten verdrängen Waschbären heimische Tiere. Foto: Philipp Rothe

In Heidelberg ist hauptsächlich Saghir, der am Altneckar in Wieblingen und damit direkt am Naturschutzgebiet lebt, für die Waschbären-Jagd verantwortlich. 23 Tiere sind ihm in dieser Jagdsaison – sie dauert vom 1. August bis 14. Februar – bereits in die Falle gegangen. Die baut der Jäger immer in der Nähe seines Gartens auf – "damit ich ständig beobachten kann, ob ein Waschbär in die Falle gegangen ist", sagt er. Denn dann sollte schnell gehandelt werden, damit die Tiere nicht lange in der geschlossenen Lebendfalle ausharren müssen. Das sei tierschutzgerecht, beteuert Saghir.

Mit einem sogenannten Fangschuss werden gefangene Waschbären an Ort und Stelle erlegt. Diese Tiere gehen dann entweder an die Fellwechsel-Initiative des Landesjagdverbandes, der Pelz von Raubwild nachhaltig nutzt: etwa für Kissen oder Muffs. Saghir arbeitet aber auch mit der Wissenschaft zusammen. So gehen manche Tiere auch an die Universität Hohenheim, wo zu Zoonosen – also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden können – geforscht wird.

Saghir hält dieses Vorgehen auch für sinnvoll. Zumal gerade der Vorfall im "Hentschel" gezeigt habe, dass Waschbären verstärkt auch in die Innenstädte vordringen. Deshalb sei es auch ein Fehler gewesen, den Hentschel-Bären auf dem Königstuhl auszusetzen – mehr noch: Es war illegal. "Die EU-Verordnung sowie das Jagdgesetz in Baden-Württemberg untersagen das Ausbringen dieser Tiere in die Natur", so Saghir.

Einen Wunsch haben die Heidelberger Jäger deshalb an die Stadt: die Ernennung eines "Stadtjägers", der in Situationen wie am letzten Donnerstag neben der Tierrettung zu Rate gezogen werden kann.

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