Musical "Ku’Damm 56"

Sozialkritik mit Ohrwurmpotenzial

Rhythmische Songs mit starken Darstellern: Das Musical wurde im Theater des Westens überzeugend auf die Bühne gebracht

18.05.2022 UPDATE: 19.05.2022 06:00 Uhr 2 Minuten, 3 Sekunden
Mit dem Titelsong „Monika“ bringt das Ensemble das Theater zum Beben. Foto: Ernst

Von Benjamin Auber

Berlin. Monika ist unmöglich! Sie passt absolut in keine Schublade der Konventionen im Nachkriegs-Berlin – genauso wie das Musical "Ku’Damm 56" im Theater des Westens. Keine Lila-Laune-Produktion, sondern ebenso wie das filmische Vorbild mit bemerkenswert bedrückender Gesellschaftskritik umgesetzt, hat Regisseur Christoph Drewitz bewiesen, dass deutsche Produktionen mit abwechslungsreicher Musik ins Schwarze treffen können.

Gleich mehrere Ohrwürmer knallen voll rein, allen voran "Berlin, Berlin", wenn Freddy (herrlich unbekümmert: Nico Went) die Liebe zu seiner zerrissenen Stadt im ersten Akt rhythmisch zelebriert. Kaputt ist sie, zerstört, grausam. Aber sie bleibt eben die eine "heiße Braut". Die Komponisten Peter Plate und Ulf Leo Sommer haben dem Musical einen Sound im fetzigen "Wir-Sind-Helden-Style" der 2000er verpasst, besonders hörbar bei "Heute Nacht" oder noch rockiger bei "Mutter Brause". Mitreißend!

Mitfühlend gibt sich die talentierte Sandra Leitner, die Monika sehr zerbrechlich, aber stimmkräftig mimt. Keine leichte Aufgabe: Die junge Frau ist das Opfer einer Vergewaltigung und der Verachtung ihrer Mutter und Tanzschulbesitzerin Caterina (Vanessa Wilcek) ausgesetzt. In nichts nach stehen ihr die ausdrucksstarken Schwestern Eva (Isabel Waltsgott) und Helga (Hannah Leser), allesamt in klassische Rollenbilder gepresst. Ein zentraler Strang, der, immer wieder aufgegriffen, prächtig funktioniert. Schockierender gerät die Vergangenheitsbewältigung mit dem Dritten Reich – verharmlosen, schönreden, ignorieren, verstecken oder einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen? Hier trifft das Musical vor allem in den Dialogen genau den richtigen Ton.

Wenn leuchtende Mikroständer synchron bewegt, Stühle geworfen werden oder alles in Zeitlupe abläuft, ist das Ensemble choreografisch in seinem Element. Allerdings gerät das Bühnenbild etwas zu spartanisch – überraschend wenige Requisiten und durch den festinstallierten Aluminium-Aufbau mit der integrierten "Mutter Brause Band" wirkt der Ablauf manchmal etwas steif. Immerhin aufgelockert wird es, wenn die Protagonisten in den ersten Stock klettern. Sicher wäre hier etwas mehr möglich, vor allem wenn es um die Tanzschule geht oder das Berliner Nachtleben gezeigt wird. Der herabgesenkte Riesenspiegel verengt die Szenerie, weitere Besonderheiten bleiben aber aus.

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