Sound der Woche

Sia, die Schmetterkönigin kehrt zurück

Reingehört haben wir auch bei Big Special, König Boris, Frank Turner und Iron & Wine.

10.05.2024 UPDATE: 10.05.2024 04:00 Uhr 2 Minuten, 53 Sekunden
Foto: dpa​

Von Ann-Marie Utz

Nach acht langen Jahren dürfen sich Sia-Fans über neue Musik ihrer Lieblingssängerin freuen. Mit dem Soloalbum "Reasonable Woman" tritt die Musikerin, die für Rihannas "Diamonds" oder David Guettas "Titanium" genauso verantwortlich zeichnet wie für die eigenen Gassenhauer "Chandelier" oder "Cheap Thrills", selbstbewusst zurück ins Rampenlicht. Unterstützt wird sie dabei von Kylie Minogue, Paris Hilton oder Chaka Khan.

2021 wehte der 48-Jährigen nach dem Release ihres Debütfilms "Music" noch Gegenwind entgegen. Das Musical-Drama wurde für seinen Umgang mit Autismus kritisiert und gleich dreifach mit dem Schmähpreis "Razzie" abgekanzelt. Sie habe danach unter Suizidgedanken gelitten und sei in eine Entzugsklinik gekommen, erzählte die Grammy-Gewinnerin der "New York Times". In den 15 Songs des neuen Albums verarbeitet sie nun – ganz im schmetternden Sia-Style – ihre Gefühle.

"Reasonable Woman" offenbart dabei verschiedene Facetten. Pop trifft hier auf Hip-Hop, House oder Ska und schon der Opener "Little Wing" strotzt vor Motivation: "Gib nicht auf, versuche es weiter, ich weiß, dass du bald fliegen wirst", singt Sia im Chorus, begleitet von Synthesizern und treibenden Drums. Weiter geht es mit Herzschmerz-Balladen wie "I Had A Heart" oder "Nowhere To Be". Dabei überzeugt – was sonst? – vor allem die klare Stimme der Sängerin, die von Streichern, zarten Rhythmusinstrumenten und gefühlvollem Piano getragen wird. Den Höhepunkt setzt "I Forgive You". Aus jeder Silbe dringen kraftvoll die Emotionen hervor: ein klassischer Sia-Hit.

Die in Adelaide geborene Frau, die sich in der Öffentlichkeit gerne hinter einer extravaganten Haarpracht verbirgt, zeigt aber auch andere Seiten. So gibt sie sich quirliger, grooviger als gewohnt, was vor allem in den Kollaborationen mit anderen Künstlern deutlich wird. Etwa im Kylie-Minogue-Duett "Dance Alone", mit dem die beiden Australierinnen an die Disco-Ära erinnern. Oder im Song "Fame Won’t Love You", bei dem Sia an der Seite von Paris Hilton die negativen Seiten des Berühmtseins seziert. Nicht nur bei diesen beiden Nummern fällt das Sitzenbleiben schwer. Gut so!

Info: Sias neues Studioalbum "Reasonable Woman" ist aktuell erhältlich. Live-Auftritte sind nicht angekündigt.







Sound der Woche

Big Special

Postindustrial Hometown Blues

Punk/Indierock Ein Debüt, so ungestüm, ungeschliffen, dass man sich nur schockverlieben kann:

Als "Kampflieder für eine Welt, die aus den Fugen geraten ist", bewerben Sänger Joe Hicklin und Drummer Callum Moloney ihr Werk. Wie passend angesichts des Zorns, angesichts des Schmerzes, den die Jungs aus Birmingham da loslassen. Musikalisch spannt sich das Album breit. Harte Gitarren. Noise. Elektro-Beats. Sänger Hicklin schreit, rappt, lässt sich auch mal im Groove treiben. Wobei man sagen muss: Die echten Perlen – vom tobenden "Shithouse" bis zum souligen "Black Dog / White Horse" – sind auf der "A-Seite". Später flacht das Songwriting etwas ab. Ändert aber nichts am Gesamturteil: phänomenal! (sös) ●●●

Für Fans von: Sleaford Mods 


Bester Song: This Here Ain’t Water


König Boris

Disneyland After Dark

Deutschrap Wo früher Fun und Augenzwinkern bei Fettes Brot waren, versucht sich Ex-Brot König Boris jetzt als sozialkritischer Storyteller. In der Ahnenlinie von The Streets will der Endvierziger Hamburgs Schattenseiten und Hoffnungsschimmer beleuchten, klingt dabei aber durchgängig wie Hip-Hops sattester Verwaltungsbeamter. Wahrscheinlich hätte er 2023 mit dem Ende seiner Erfolgsband in Rente gehen sollen, stattdessen stalkt Boris die Frau vom "Lieferservice". Naja. (han)

Für Fans von: Ferris MC

Bester Song: Stadtratte


Frank Turner

Undefeated

Punkrock 42 Jahre alt und immer noch wütend. Oder besser: wieder. Frank Turner hält auf seinem zehnten Soloalbum ein intensives Zwiegespräch mit seinem jüngeren Ich. Was würde der Rebell von damals heute von ihm halten? Und wie macht er ihm klar, dass auch ein Punk mal Rücken und Midlife-Crisis hat? Daneben arbeitet sich Turner in catchigen Melodien am Rechtsruck, am Musikbusiness (ab sofort wird im Eigenverlag veröffentlicht) und an den Folgen der Pandemie-Jahre ab. (hol) ●●

Für Fans von: Beans on Toast

Bester Song: Ceasefire


Iron & Wine

Light Verse

Folk Zeitdruck kennt Sam Beam nicht. Der Filmdozent aus South Carolina, der sich hinter dem Künstlernamen Iron & Wine verbirgt, werkelt gerne vor sich hin. Und so mussten Fans Geduld haben, bis er sein Post-Covid-Projekt "Light Verse" zusammengezimmert hatte. Es hat sich gelohnt! Von den düsteren Soundkulissen der Vorgänger ist das siebte Studioalbum weit entfernt. Beam baut seine zarten Kracher lieber in schwelgenden Bögen auf und lässt dabei die Streicher tanzen. Einige wagen deshalb bereits Vergleiche mit Brian Wilson, Paul Simon oder Nick Drake. Why not? Dass er sich vor den Großen nicht verstecken muss, beweist der 50-Jährige nicht zuletzt im Duett mit Fiona Apple: "All In Good Time". (dasch) ●●●

Für Fans von: Gregory Alan Isakov

Bester Song: Tears That Don’t ...