Frieren bei Gasmangel?

Wieso kühlere Wohnungen gesünder sind

Wegen des Konflikts mit Russland wird über niedrigere Mindesttemperaturen diskutiert. Aus medizinischer Sicht kein Problem - im Gegenteil.

24.06.2022 UPDATE: 24.06.2022 09:46 Uhr 2 Minuten, 56 Sekunden
Eine Frau hält eine Tasse Tee in den Händen. Wegen des Konflikts mit Russland wird über niedrigere Mindesttemperaturen diskutiert. Aus medizinischer Sicht kein Problem - im Gegenteil. Foto: dpa

Von Sandra Trauner

Bei sommerlichen Temperaturen diskutiert Deutschland über die Aussicht auf kühlere Wohnungen im Winter. Weil nicht klar ist, wie es mit den Gaslieferungen aus Russland weitergeht, steht der Vorschlag im Raum, dass Mietwohnungen künftig etwas kälter bleiben sollen. Wer sich bei 30 Grad gerade pudelwohl fühlt, dem dürfte die Aussicht auf weniger als 20 Grad im Wohnzimmer einen kühlen Schauer über den Rücken jagen. Aber welche Temperatur ist gesund?

Das Umweltbundesamt (UBA) rät den Deutschen schon lange zu kühleren Innentemperaturen: "Die Raumtemperatur sollte im Wohnbereich möglichst nicht mehr als 20 Grad Celsius betragen", heißt es beim UBA. In der Küche empfiehlt das UBA 18 Grad und im Schlafzimmer 17 Grad, schränkt aber ein: "Entscheidend ist in allen Fällen die individuelle Behaglichkeitstemperatur."

"Die Temperatur, die wir subjektiv als angenehm empfinden, liegt fast immer höher als das, was gut und gesund ist", sagt dagegen Prof. Stephan Vavricka, Facharzt für Innere Medizin am Zentrum für Gastroenterologie und Hepatologie in Zürich. Ein bisschen zu frieren schade keineswegs, im Gegenteil: "Eigentlich wäre es gesund, wenn wir täglich vor Kälte zittern, denn dabei wird Fettgewebe abgebaut."

Dass der eine bei 25 Grad fröstelt und der andere bei 20 Grad schwitzt, liegt Vavricka zufolge an der unterschiedlichen Thermogenese. Das ist die Fähigkeit, selbst Wärme zu produzieren. Sie entsteht als Nebenprodukt von Stoffwechselprozessen, etwa bei der Verdauung oder durch Muskelaktivität. In der Regel könnten dickere Menschen leichter Wärme produzieren als dünne, sagt Vavricka. Daher seien sie üblicherweise auch weniger kälteempfindlich.

Aber das Temperaturempfinden ist unterschiedlich, wie Leonard Fraunberger von der Universität Erlangen-Nürnberg erklärt. Er ist Facharzt für Innere Medizin und Vizepräsident des Bayerischen Sportärzteverbandes. Was wie ein Klischee klingt, ist wissenschaftlich bewiesen: Frauen frieren häufiger als Männer. Denn ob einem kalt ist oder nicht, hängt vor allem von der Muskelmasse ab: "Mehr Muskeln produzieren mehr Wärme."

Der eine zieht auf dem Sofa die Decke über sich, der andere den Pullover aus - das liegt Fraunberger zufolge auch an Faktoren, die man selbst in der Hand hat. Einen großen Einfluss hat zum Beispiel, ob man gut geschlafen, genug gegessen und sich ausreichend bewegt hat. "Eine niedrigere Raumtemperatur wäre aus medizinischer Sicht für viele Menschen gut", sagt ...