Frauen aus Burkina Faso erhalten dank des Walldorfer Vereins "Hilfe zur Selbsthilfe" Mikro-Kredite, die ihnen Verdienstmöglichkeiten eröffnen. Foto: privat
Walldorf. (aot) In Burkina Faso bestimmt der Mann in jeder Hinsicht über das Leben seiner Frau, und wenn er sie verlässt, bleibt ihr die alleinige Verantwortung für die Kinder. Damit nicht genug, wird sie auch noch zur Außenseiterin in der Dorfgemeinschaft, ohne Möglichkeit, zu den Eltern zurückzukehren. Die Vorstellung, minderwertig zu sein, sei tief in den Köpfen afrikanischer Frauen verankert, berichtete Sigrid Tuengerthal auf der Mitgliederversammlung des Walldorfer Vereins "Hilfe zur Selbsthilfe". Zwangsheirat, Mädchenraub, Kinderhandel und Genitalverstümmelung finde man auf dem Land immer noch. Bildung sei der einzige Weg, aus dieser Zwangslage herauszukommen. Der Schulbesuch sei zwar seit einigen Jahren kostenlos, Mädchen werde er aber oft verwehrt, weil man sie brauche, um zum Beispiel das Wasser aus den weit entlegenen Wasserstellen zu holen. Darüber hinaus gebe es viele Männer, die Mädchen mit Schulbildung nicht zur Ehefrau wollten.
In kleinen Schritten Veränderungen zu bewirken, ist das Ziel des Vereins, der schon seit 18 Jahren verschiedene Projekte in dem Land betreibt. Über Patenschaften wird Mädchen der Schulbesuch ermöglicht, der Aufbau einer ambulanten Krankenversorgung unterstützt und Aufklärung über Sauberkeit und Hygiene vermittelt. Seit einigen Jahren werden auch Mikrokredite an Frauen auf dem Land vergeben, um ihnen Verdienstmöglichkeiten zu eröffnen, auf die die Männer keinen Zugriff haben. Sie können damit ein kleines Geschäft aufbauen oder Vieh züchten. Nach den Beobachtungen von Sigrid Tuengerthal stärkt dies die Selbstständigkeit und das Selbstvertrauen der Frauen, deshalb tritt sie für eine Ausweiterung des Förderprogramms ein.
Der Verein mit seinen 214 Mitgliedern hat im Jahr 2017 über 100.000 Euro für Projekte in zehn Ländern ausgegeben, immer mit dem Ziel, Eigeninitiativen vor Ort anzukurbeln, die irgendwann in die Selbstständigkeit entlassen werden können. Seit der Vereinsgründung habe man 1,6 Millionen Euro in 27 Ländern investiert, berichtete die Vorsitzende Barbara Diehm.
2017 wurde im Norden Togos zusammen mit einem Partnerverein und den Dorfbewohnern eine Grundschule renoviert. In Rumänien wurde ein Haus gekauft, das Kindern und Jugendlichen eine Anlaufstelle bietet, in der sie neben einer warmen Mahlzeit Zuwendung und Hilfe bei den Hausaufgaben und der Berufsvorbereitung erhalten. In Nicaragua fördert man behinderte Kinder, die oft ein erbarmungswürdiges Dasein fristen. Im vergangenen Jahr wurden Eltern, die ihre Kinder regelmäßig zur Therapie bringen, angeleitet, für diese ein Bett zu bauen. Neben dem Material gibt der Verein auch Geld für den Transport aus und für ein Motorrad, das den Mitarbeitern ermöglicht, in abgelegene Gebiete zu kommen.
In Nepal wurde der Bau dreier neuer Räume in einem Therapie- und Tageszentrum für Kinder mit zerebraler Parese (Bewegungsstörungen aufgrund einer frühkindlichen Hirnschädigung) ermöglicht. In Guinea hat man Schulbücher für den ersten Jahrgang eines neu gebauten Gymnasiums angeschafft und in einer Behindertenschule in Chile den trostlosen Innenhof neu gestaltet. In Sao Lourenco do Sul in Brasilien zahlen Pateneltern im Jahr 150 Euro in einen Fonds, der 75 Kindern und ihren Familien das nackte Überleben ermöglicht. In Nepal wird ein Stipendienprogramm finanziert, das für Schulgeld, Schuluniformen und Bücher aufkommt sowie 75 Kinder bis zur Mittleren Reife und besonders begabte zusätzlich zwei weitere Jahre bis zur Berufsförderung oder Studienvorbereitung unterstützt.
Laut Barbara Diehm sieht die Vorstandschaft ihre Hauptaufgabe in der Förderung von Bildung und Ausbildung in den genannten Ländern. Nur so habe die junge Generation eine Chance, Arbeit zu finden und einmal ihre Familie ernähren zu können. Eine Herzensangelegenheit sei es ihnen auch, behinderten Kindern und ihren Eltern, die in den armen Ländern oft ausgegrenzt würden, zu helfen. Barbara Diehm dankte allen Spendern für ihr großes Vertrauen und versicherte, dass mit diesen Geldern sehr verantwortungsvoll umgegangen werde. Der anwesenden Walldorfer Bürgermeisterin Christiane Staab dankte sie für die jährliche großzügige Unterstützung durch die Stadt, die von Anfang an 15.000 Euro betragen habe.
Bei den Vorstandswahlen wurden Barbara Diehm als erste und Christina Hümmler als zweite Vorsitzende sowie Kassenwart Boris Maier in ihren Ämtern bestätigt. Nach 18 Jahren gab Sigrid Tuengerthal das Amt als Schriftführerin an Andrea Erny ab.