Neues Album der Popkönigin

Auf "Hit Me Hard And Soft" wird Billie Eilish ziemlich intim

Ein Album, das streichelt und zulangt: Auf dem frisch erschienenen Werk besticht die Popkönigin mit Ideenreichtum und offenherzigen Bekenntnissen.

19.05.2024 UPDATE: 19.05.2024 04:00 Uhr 3 Minuten, 12 Sekunden
Mit flüssig-wogender Musik festigt Billie Eilish ihren Ruf als Pop-Innovatorin. Foto: dpa

Von Steffen Rüth

Erst einmal schön, wieder ein Superstaralbum auf den Tisch zu bekommen, das nicht so lang ist wie ein halber Arbeitstag oder ein "Dune"-Film. Die Kolleginnen Beyoncé und Taylor Swift haben es mit ihren jeweiligen Konvoluten jüngst ja etwas übertrieben.

Billie Eilish aber, die nun innerhalb von zwei Monaten als letzte der Heiligen Drei Popköniginnen mit "Hit Me Hard And Soft" ein neues Werk veröffentlicht, hält sich mit zehn Liedern und einer Spielzeit von knapp unter einer Dreiviertelstunde an das klassische Vinylalbumformat.

Auf den ersten Blick eine kompakte Kiste. Doch drückt man auf "Play", kramt man direkt nach den Kopfhörern – zu intim-geheimnisvoll flüstert die 22-Jährige die ersten Worte ihres Songs "Skinny": "I fell in love for the first time ..."

Überhaupt wird sehr schnell klar: Diese 44 Minuten sind 44 Hundeminuten. Denn von überall her prasseln in Billies Songs kleinste Details, versteckte Subtilitäten, überraschende Einschübe, aber auch urplötzliche Eruptionen von Sounds und Stimme auf die angenehm überwältigten Ohren ein. Wahrscheinlich werden die Musik-Archäologen, die das Album in 5000 Jahren ausbuddeln, immer noch neue klangliche Spitzfindigkeiten entdecken.

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"Hit Me Hard And Soft" ist wie immer von der Sängerin und ihrem älteren Bruder Finneas O’Connell produziert worden. Nur nicht mehr im Kinderzimmer, wie das 2019 erschienene und bald darauf schon legendäre "When We All Fall Asleep, Where Do We Go?", sondern in Finneas’ Heimstudio.

Mit ins Boot genommen haben die Geschwister dieses Mal die Streicher des Attaccus Quartet, auch ein Drummer ist neu dabei. Man kann sich gut vorstellen, wie die zwei sich immer wieder ins Fäustchen lachten, wenn ihnen wieder ein besonders raffinierter Soundspielzug gelungen ist. So wie in "L’Amour De Ma Vie", das leicht beschwipst und französisch beginnt, um sich dann ohne jede Vorwarnung in einem 80-Jahre-Synthiegewitter à la "Take On Me" von a-ha oder "Blinding Lights" von The Weekend zu entladen.

Oder "The Greatest", ein anmutiges Lied über eine dann doch nicht geglückte Liebe, das zärtlich loslegt, mit einer Billie, die Sätze singt wie "All the time I waited / For you to want me naked", bevor sie die Worte regelrecht rausbrüllt, flankiert von einem krassen Gitarrensolo.

Auch sonst passt der Titel. Das Album streichelt, aber es langt auch zu. Nach dem orchestralen "Skinny", das an Billies Oscar- und Grammy-ausgezeichneten "Barbie"-Song "What Was I Made For?" angelehnt ist, kommt "Lunch", eine packende Dance-Pop-Hymne über lesbische Lust. "I could eat that girl for lunch / As she dances on my tongue", singt Eilish, die im vergangenen Jahr eher beiläufig mitteilte, dass sie sich sexuell sowohl zu Frauen als auch zu Männern hingezogen fühle. "Chihiro", benannt nach einer Manga-Heldin, betört erst mit minimalem, spärlich fragilen Synthie-Einsatz, dann fährt der Song seine House-Krallen aus. Das wundervolle "Birds On A Feather" ist zur Abwechslung einfach mal nur melodisch.

Ja, "Hit Me Hard and Soft" ist ein Album, das sich permanent dreht und wendet, ganz wie eine enge Serpentinenstraße, bei der nie klar ist, ob hinter der nächsten Kehre ein toller Ausblick oder ein entgegenkommender Bus zu erwarten ist. Wirklich toll, wie experimentierversessen, innovativ und unterhaltsam die beiden Geschwister mit Popmusik umgehen, ohne dabei auf ihre eigensinnige Form von Drolligkeit zu verzichten, die sich kaum beschreiben lässt.

"Dieses Album bin ich", sagt Billie Eilish. Sie war 17, als sie mit ihrem Debüt fünf Grammys gewann und mit jugendlich-verstörenden Liedern wie "Bad Guy" oder "Bury A Friend" zur – unfreiwilligen – Identifikationsfigur einer Generation wurde. Eilish ist ein Mensch mit Ängsten, Abgründen und Traumata, den plötzlichen Weltruhm fand sie ganz lustig, aber auch belastend.

Sie litt unter dem Verlust ihrer Anonymität, ging kaum noch aus dem Haus und hat nach eigenen Angaben kaum Freunde. Zur Party ihres 20. Geburtstags seien ausschließlich Leuten gekommen, die für sie arbeiteten, erzählte sie dem "Rolling Stone"-Magazin.

Kleidete sich Eilish anfangs burschikos, erfand sie sich für ihr zweites Album "Happier Than Ever" (2021) als blonder Vamp neu. Die Songs waren gediegener, Jazz-inspiriert und erwachsener als sie selbst. Dann kam der James-Bond-Song "No Time To Die", die "Barbie"-Nummer, und Billie Eilish gewann nicht nur Preise, sondern auch ein bisschen Zeit, um zu leben.

"Ich bin einfach ein Mädchen", sagt die Kalifornierin. Über ihre Erlebnisse in Liebesdingen singt sie nun ausgedehnt auf "Hit Me Hard And Soft" – oft läuft es im klassischen Sinne nicht so toll, aber bei wem tut es das schon? Die amourösen Erfahrungen reichern auf jeden Fall auch Eilishs Kunst an, wie sich etwa im schwülen Sommerfiebersextraum "Wildflower" hören lässt.

Das neue Album ist auch eine Rückkehr zur alten Billie sowie ein beeindruckend geglückter Versuch der Selbst(wieder)findung. Die Monster, die früher unterm Bett lauerten, sitzen jetzt mit am Tisch. Und den "Goldenen Käfig" ihrer Berühmtheit, von dem Eilish in gleich zwei der neuen Lieder singt, hat sie nicht ganz verlassen, aber schon mal die Stangen zur Seite gebogen.

Sie gehe nun häufiger aus und sammele Erfahrungen, sie sei zwar nach wie vor nicht depressionsfrei, will aber keinesfalls, so betont sie, "als Aushängeschild für Depressionen" herhalten. Billie Eilish möchte vor allem eins: Billie Eilish sein.