Sound der Woche

Dua Lipa bietet Frische mit Tiefgang

Reingehört haben wir auch bei Maggie Rogers, Elbow, Reinhard Mey und Elena Rud.

02.05.2024 UPDATE: 02.05.2024 04:00 Uhr 2 Minuten, 58 Sekunden
Dua Lipa
Dua Lipa hat kürzlich ihre neue Single «Houdini» veröffentlicht.

Von Steffen Rüth

Ein hinreißendes Cover: Dua Lipa lehnt am Rand eines Pools. Sie hat die Rückenflosse, die sich ihr nähert, im Blick. Doch nichts erweckt den Eindruck, als würde sie sich von einem Hai aus der Ruhe bringen lassen. Die Aufnahme versinnbildlicht die Vision hinter "Radical Optimism". "Eine Freundin hat mir das Konzept ans Herz gelegt", erklärte die 28-Jährige jüngst der "Elle". "Radikaler Optimismus basiert auf der Idee, dass man selbst die heftigsten Herausforderungen mit größtmöglicher Gelassenheit bewältigen sollte."

Um heute ein reüssierender Star zu sein, genügt es nicht mehr, ein paar flutschende Songs und ein gefälliges Äußeres zu haben. Der Pop 2024 verlangt nach einer Erzählung, die sich gewaschen hat. Dua Lipa setzt diese Anforderung um. Schon mit Anfang 20 postulierte die in London geborene Tochter eines Albaners und einer Kosovarin ihr Ansinnen, mit Musik die Welt zu erobern. Nach dem Familienumzug in den Kosovo kehrte sie mit 15 allein nach London zurück. Sie kellnerte, studierte das Nachtleben, schrieb Songs und baute sich ein Netzwerk auf. Dann ging es Schlag auf Schlag: Plattenvertrag mit 18, erste Single mit 19, Debütalbum mit 21.

Scherte man Dua (der Name bedeutet auf Albanisch "Liebe" und war eine Idee der Oma) zunächst noch mit Rita Ora oder Ava Max über den Kosovo-albanischen Wurzelkamm, war spätestens mit dem zweiten Album ("Future Nostalgia") klar, dass man es mit einer Künstlerin zu tun hat, die in der Liga der jungen Madonna spielt. Für ihren schillernden, die pandemische Tristesse aufhellenden Disco-Pop erhielt Lipa sowohl Grammy als auch Brit-Award.

Jetzt folgt, nach einem Hit mit Elton John ("Cold Heart") und der "Barbie"-Soundtrack-Single "Dance The Night", das Drittalbum. Die Glitzerkugel funkelt noch, aber darunter offenbart sich Tiefe. Experimentierfreudige Songs wie die Vorab-Singles "Houdini", "Training Season" und "Illusion" werden selbst beim Ofthören nicht öde. Und auch inhaltlich hält das Britpop-inspirierte "Radical Optimism" ein hohes Niveau. Dua Lipa begibt sich auf die Suche nach Sinn und Stärke, manchmal auch einfach nach Stille. Nichtsdestotrotz betont sie: "Wir müssen uns die Zeit nehmen, es uns so schön wie möglich zu machen!" Mit ihrem neuen Album kommt man diesem Ziel sicher ein gutes Stück näher.

Info: "Radical Optimism" erscheint diesen Freitag. Am 5. Juni spielt Dua Lipa ein Konzert auf der Berliner Waldbühne.






Sound der Woche

Maggie Rogers

Don’t Forget Me

Songwriter Der Clip ging um die Welt: Im Rahmen eines Uni-Seminars spielte eine schüchterne NYU-Studentin Pop-Guru Pharrell Williams ihren Song "Alaska" vor. Er reagiert mit zwei tiefbeeindruckten "Wow"s und der Feststellung, dass er ihr keine Tipps geben könne: "Ich hab noch nie jemanden gehört, der so klingt wie du!" Acht Jahre danach ist Maggie Rogers’ Mix aus Folk und Elektropop immer noch unverwechselbar. Das dritte Album der 29-Jährigen bietet erneut Melancholie mit Schub – nette Begleitmusik, um durch weite Landschaften zu cruisen. Aber: Dieses eine tief beeindruckende Lied hat "Don’t Forget Me" leider nicht zu bieten. Deshalb gibt’s dieses Mal nur ein "Wow" ... (dasch)

Für Fans von: Sheryl Crow

Bester Song: The Kill


Elbow

Audio Vertigo

Britrock In ihrer Heimat füllen sie längst die Stadien. Zu Recht! Denn Elbow sind eine Band, die wirklich neugierig macht: Wie wird wohl der nächste Song klingen? Nach Arena-Rock? Nach intimer Soul-Nummer oder verspieltem Synthie-Pop? Die Basis bildet stets das unschlagbare Melodiegespür der Mannen aus Manchester. Und: Guy Garveys wunderbar warme Stimme, die sich in ebenso wunderbarem "Northern Accent" ins Ohr schmeichelt. Zu empfehlen! (dasch)

Für Fans von: The National, Eels

Bester Song: Lover’s Leap


Reinhard Mey

Nach Haus

Liedermacher Sehr bedächtig und nachdenklich geht es zu auf Reinhard Meys 29. Studioalbum. Alte Männer schauen in den Rückspiegel, auf Möbelstücke, auf ihr Leben und sinnieren über den Zustand von Welt, Republik und Demokratie, über Krieg und Klima. Das ist zum Teil bewegend und anregend, zum Teil etwas kryptisch (wie das öko-apokalyptische "Lagebericht") – aber manchmal auch arg dick aufgetragen wie im Fall des Tierschutz-Klageliedes "Miserere mei". (hol)

Für Fans von: Hannes Wader

Bester Song: Verschollen


Elena Rud

Heimlich Weinen

Indiepop Wenn der erste Track anspielt, muss man kurz sichergehen, dass man nicht gerade unbemerkt ins West-Berlin der 70er-Jahre gereist ist. Mal kratzig-wild, mal zart singt sich die Frontfrau der nach ihr benannten Münchner Neue-Neue-Deutsche-Welle-Band Elena Rud die Seele aus dem Leib. Dass "Heimlich Weinen" ein Kind seiner Zeit ist, wird aber schnell klar, wenn der brennende Planet samt seiner depressiven Kinder in den Fokus rückt. Die Akkordabfolgen klingen gelegentlich etwas nach deutscher Rom-Com für Heranwachsende, was die Newcomerin jedoch durch ihr mitreißendes Organ wettmacht. Elena Rud weint hier nicht heimlich, sondern mutig und offen. Und genau das ist ihre Stärke. (leha)

Für Fans von: Paula Carolina

Bester Song: Problem