Elefantenattacke in Buchen: Zirkusdirektor trägt Verantwortung für den Tod des Rentners

Walter F. erhielt Strafbefehl über 6300 Euro wegen fahrlässiger Tötung. Doch wer hat "Baby" aus dem Zelt gelassen?

11.10.2016 UPDATE: 12.10.2016 06:00 Uhr 2 Minuten, 21 Sekunden

Um Werbung für das Gastspiel des "Circus Luna" in Buchen zu machen, führte Zirkusdirektor Walter F. Elefant "Baby" im Juni 2015 durch die Buchener Innenstadt - einige Tage später ereignete sich die tödliche Attacke. Foto: Joachim Casel

Von Rüdiger Busch

Buchen. Die Akte ist geschlossen, juristisch ist der Fall - zumindest vorerst - aufgearbeitet: Zirkusdirektor Walter F. (79) trägt die Verantwortung für die tödliche Elefantenattacke von Buchen, die den 65-jährigen Rentner Alexander H. das Leben kostete. Wegen fahrlässiger Tötung erhält F. einen Strafbefehl über 90 Tagessätze à 70 Euro. Das aufwendige Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft ist damit abgeschlossen. Was genau sich in den frühen Morgenstunden des Samstag, 13. Juni 2015, aber ereignet hat und was der Auslöser für das folgende tragische Geschehen war, bleibt im Dunkeln. Möglicherweise für immer.

Rückblende: In den frühen Morgenstunden des 13. Juni 2015 verließ der 34-jährige Zirkuselefant "Baby" (auch bekannt als "Benjamin") sein Stallzelt auf dem Parkplatz Am Ring in Buchen, wo der "Circus Luna" seit einigen Tagen gastierte. Gegen 5.30 Uhr drehte der 65-jährige Rentner Alexander H. aus Buchen seine morgendliche Runde, als es rund 100 Meter vom Festgelände entfernt zum tödlichen Zusammentreffen kam: Offenbar versuchte der Mann zu fliehen, doch am Zaun des Frankenlandstadions gab es kein Entkommen mehr. Auf der dortigen Grünfläche wurde wenig später die Leiche des Rentners gefunden, nachdem ein Autofahrer den frei laufenden Elefanten gesehen und die Polizei informiert hatte.

Wie Erster Staatsanwalt Hansjörg Bopp der RNZ gestern bestätigte, geht die Justiz von zwei möglichen Varianten aus: 1. Der Elefant wurde von so genannten militanten Tierschützern befreit. 2. Ein Mitarbeiter des Zirkus hat den Elefanten ausgeführt, und dabei ist dem Dickhäuter die Flucht gelungen. Für beide Varianten trage der Zirkusdirektor die Verantwortung: "Es gab Drohungen, den Elefanten zu befreien", so Bopp. Dennoch habe der Zirkus keine Vorkehrungen gegen eine solche Befreiungsaktion getroffen, wie etwa einen Wachposten aufzustellen. Sollte dem Elefant die Flucht beim Ausführen gelungen sein, dann habe der Zirkus ebenfalls seine Sorgfaltspflicht verletzt.

Die nach der Tat von der Tierrechtsorganisation Peta aufgestellte Behauptung, der Elefant sei selbst ausgebrochen, habe sich, so Bopp, als falsch herausgestellt: "Aus eigenem Antrieb konnte der Elefant nicht aus dem Gehege raus, das können wir definitiv ausschließen." Das Stallzelt war üblicherweise doppelt gesichert. Es muss also ein Dritter mitgeholfen haben - entweder ein externer "Befreier" oder ein Mitarbeiter des Zirkus, der dem Elefant einen unsachgemäßen Freigang erlaubte.

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16 Monate sind seit dem tragischen Ereignis vergangen. Weshalb haben die Ermittlungen so lange gedauert? Im Bereich der Fahrlässigkeit seien rechtliche Bewertungen immer schwierig, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft, der darauf verweist, dass die Ermittlungen sehr umfangreich gewesen seien.

Für die Tierrechtsorganisation Peta war die Schuldfrage schon wenige Stunden nach dem schrecklichen Vorfall klar: Sie sprach von einem "absehbaren Unglück" und nahm neben den Zirkusverantwortlichen auch die Behörden in die Verantwortung, da man schon vor geraumer Zeit auf die Gefährlichkeit des Tieres hingewiesen habe. Seither wurde die tödliche Elefantenattacke von Buchen für das erklärte Ziel von Peta, ein Wildtierverbot in Zirkussen zu erreichen, instrumentalisiert.

Die Zirkusfamilie Frank fühlte sich dagegen als Opfer einer Kampagne und beschuldigte ihrerseits militante Tierschützer, für die Befreiung des Elefanten verantwortlich zu sein. "Mein Elefant ist doch kein Mörder", hatte Zirkusdirektor Walter F. damals der RNZ versichert.

Bereits am Tag nach dem tödlichen Zwischenfall endete "Babys" Dasein als Zirkuselefant: Er wurde in den Safaripark Stukenbrock (Nordrhein-Westfalen) gebracht, wo er sich Medienberichten zufolge gut eingelebt haben soll. Ob die Zirkusfamilie den Strafbefehl akzeptiert oder Einspruch einlegen wird, ist noch nicht klar. Das Schreiben liege dem Zirkus noch nicht vor, sagte Sprecherin Alexandra Finckh.

Auch wenn der Fall juristisch nun aufgearbeitet zu sein scheint, lassen sich das schreckliche Geschehen und seine tragischen Auswirkungen nicht ungeschehen machen. Ein halbes Jahr nach dem Tod von Alexander H. ist auch dessen Witwe gestorben; sie ist am Verlust ihres Mannes und den Umständen seines Todes zerbrochen. Die Kinder und Enkelkinder müssen nun mit einem doppelt schweren Schicksalsschlag weiterleben.

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