Heidelberg

Studierendenrat ist seit zehn Jahren ein piksender Kaktus

Bei der Feier zum zehnjährigen Bestehen gab es Glückwünsche von Rektorin Melchior und OB Würzner.

11.07.2024 UPDATE: 11.07.2024 04:00 Uhr 1 Minute, 44 Sekunden
Mit einer Feier in der Neuen Aula der Uni beging der Studierendenrat sein zehnjähriges Bestehen. Neben Reden von Frauke Melchior und Eckart Würzner und einem Vortrag von Protestforscher Philipp Gassert spielte die Bigband der Evangelischen Studierendengemeinde. Foto: Rothe

Von Julia Blank

Heidelberg. Den Heidelberger Studierendenrat, kurz Stura, gibt es nun schon seit zehn Jahren. Das wurde am Montagabend in der Neuen Universität mit Reden, Musik der Bigband der Evangelischen Studierendengemeinde sowie einem Umtrunk gefeiert. Als Legislativorgan der Verfassten Studierendenschaft setzen sich die gewählten Stura-Vertreter für die Belange aller rund 30.000 Studierenden ein.

Der Stura stehe für "Engagement, Teilhabe und Autonomie", sagte Uni-Rektorin Frauke Melchior in ihrer Rede, die sie anlässlich der Feier hielt. Auch Oberbürgermeister Eckart Würzner fand lobende Worte für den Studierendenrat und die Heidelberger Universität im Allgemeinen: "Es gibt nichts Schöneres als einen Ort, an dem man lernen, fragen und diskutieren kann", so Würzner.

Zumal man sich immer weiter in eine Gesellschaft hinein bewege, die nicht mehr von Fakten, sondern von Meinungen regiert werde. "Wir meinen, wir wüssten alles – aber das Gegenteil ist der Fall. Gerade deswegen ist es so wichtig, dass sie, liebe Verfasste Studierendenschaft, die Möglichkeit haben, ihre Interessen einzubringen", so der OB.

Sowohl die Vorsitzenden der Studierendenschaft, Carolin Roder und Fritz Beck, als auch Rektorin Melchior machten zugleich deutlich, wie schwierig es sei, die Anliegen verschiedenster Gruppen unter einen Hut zu bringen. "Wir haben viele Studierende an der Uni, die sich nicht gesehen und anerkannt fühlen. Dafür müssen wir Lösungen finden. Lassen Sie uns daran arbeiten, dass die Universität ein sicherer und gewaltfreier Ort für alle ist!", lautete Melchiors Appell.

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Der Heidelberger Studierendenrat steht mit seinen zehn Jahren noch am Anfang seiner Geschichte. Denn nachdem es ab den 1968er-Jahren in ganz Deutschland zu Studentenaufständen gekommen war, wurde die verfasste Studierendenschaft aufgelöst und erst 2011 wieder im baden-württembergischen Hochschulgesetz verankert.

Studierende protestierten damals aus den unterschiedlichsten Gründen: die Ausbeutung der Dritten Welt, der Vietnamkrieg (was durch die US-Streitkräfte in Heidelberg besondere Brisanz besaß), die verdrängte Nazi-Vergangenheit, die Notstandsgesetze und die beschränkte studentische Mitbestimmung. Einblicke hierzu gab Historiker und Protestforscher Philipp Gassert von der Mannheimer Universität in einem Vortrag: "Damals kam es zu einem regelrechten Katz-und-Maus-Spiel zwischen den Studierenden und der Polizei."

Im März 1968 beispielsweise veröffentlichte die RNZ einen Artikel mit dem Titel "Hexensabbat im Zieglerbräu" über eine emotionale Auseinandersetzung zwischen Studierenden und Universitätsprediger Wilhelm Hahn. Die Studierenden haben auf den Tischen gestanden, stundenlang geschrien, "und es kam zu sowohl psychischen als auch physischen Kämpfen", so Gassert. 1975 drohte sogar die Schließung der Universität.

"Heute ist das anders. Heute demonstrieren Studierende und Lehrkörper zusammen, wenn Missstände herrschen. Das durfte ich beispielsweise 2019 an der Mannheimer Universität beobachten, als für bessere Ausstattung demonstriert wurde", erklärte Gassert.

Dem Heidelberger Studierendenrat schenkte er am Ende seiner Rede einen Kaktus: "Wir müssen heutzutage wieder mehr Kritik wagen! Und wie die Stacheln des Kaktus immer wieder auch unangenehme, piksende Wahrheiten aussprechen."

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