Wenig Licht, große Wirkung
In der dunklen Jahreszeit erscheint das Kloster Maulbronn im Schein Hunderter Kerzen - eine Zeitreise im Welterbe.

Von Heiko P. Wacker
Immer wenn in den frühen Abendstunden der kalte Wind durch den großen Innenhof des Klosters Maulbronn pfeift und im Gewölbe heult, beginnt im Welterbe ein ganz eigenes Ritual: Die Kerzen werden entzündet. Hunderte davon, verteilt auf Gänge, Kreuzgang und Kirche.
"Das dauert alleine rund eine Stunde, deshalb machen wir das auch meist zu zweit", erklärt Katrin Karner. Sie ist eine von acht Gästeführerinnen und Gästeführern, die die Besucherinnen und Besucher durch das nur von Kerzen erleuchtete Kloster geleiten. Ohne ihre Geschichten und Erklärungen wäre es nur ein schöner Spaziergang im Schein der Flammen – mit ihnen wird es eine Zeitreise.
"Wir sind selber überrascht, wie viele Besucher sich für die Kerzenschein-Führungen durchs Kloster interessieren", erzählt Jürgen Franke von den Staatlichen Schlössern und Gärten Baden-Württemberg. Schon früh im Jahr sind viele Termine ausgebucht. "Das Kloster wirkt aber auch noch einmal ganz anders, wenn man es bei Kerzenschein besuchen kann", sagt er. Seit gut zehn Jahren werden diese besonderen Rundgänge angeboten – in den drei dunkelsten Monaten des Jahres.
Für Katrin Karner, die seit 2019 am Kloster arbeitet und jeden Winkel der ehemaligen Zisterzienserabtei mitten in Maulbronn kennt, bleibt der Rundgang auch persönlich etwas Besonderes. "Es ist auch für uns immer wieder ein Erlebnis, das Gänsehaut verursacht", versichert sie. Auch Gäste aus der Rhein-Neckar-Region kommen regelmäßig hierher.
Das Kloster selbst war bis 1504 Teil der Kurpfalz. "Der Landshuter Erbfolgekrieg ging auch an unserem Kloster nicht spurlos vorbei, nach dem Krieg regierte hier, wie auch im nahe gelegenen Knittlingen, Herzog Ulrich von Württemberg. Bis in die jüngste Geschichte verlief denn die Grenze zwischen der Kurpfalz, und später eben den Ländern Baden und Württemberg direkt zwischen uns und der alten kurpfälzischen Amtsstadt Bretten", blickt Jürgen Franke zurück. Noch heute markiert die Kreisgrenze diese historische Linie.
Bei Kerzenschein tauchen die Gruppen in den Alltag der mittelalterlichen Mönche ein. "Wir nehmen unsere Gäste mit in das Leben der mittelalterlichen Zisterziensermönche – gemeinsam durchstreifen wir das Kloster – und es erstaunt immer wieder, wie gerne sich unsere Gäste in dieser einmaligen Atmosphäre von der klösterlichen Geschichte faszinieren lassen", sagt Katrin Karner.

Es geht um den Aufbau der Anlage, ihre Entwicklung – und um das strenge Leben hinter den Mauern. Mit dem Gelübde verpflichteten sich die Mönche zu Keuschheit, Armut, Gehorsam und zum Schweigen. "Die Kerzen aber zeigen unser Monument von seiner mysteriösen Seite."
Gerade im Winter war das klösterliche Leben hart. "Nur ein einziger Raum in der gesamten Klosteranlage wurde damals beheizt", erklärt Katrin Karner. "Und auch heute sind viele Bereiche eisig kalt, das spürt man während der Sonderführungen", sagt sie. Die Kälte gehört zur Erfahrung – sie macht spürbar, wie entbehrungsreich der Alltag der Mönche gewesen sein muss.
Die Führungen leben von der Dunkelheit. "Natürlich wissen unsere Gäste, worauf sie sich einlassen – und dass man bei Kerzenlicht logischerweise nicht so viele Details an der Decke oder im Gewölbe erkennen kann, wie beim normalen Tageslicht. Aber darauf gehen wir auch gezielt ein, wir nutzen das begrenzte Licht der Wachskerzen, um eben genau auf das hinzuweisen, was das Klosterleben eben ausmachte. Das Schweigen, die Stille – die Kälte, die Mönche besaßen zwar ein eigenes Wintergewand. Doch mit modernen Kleidungsstücken kann man das nicht vergleichen."
Ein leiser Schauer geht durch die Gruppen, wenn Karner erklärt: "Speziell dann, wenn wir erklären, dass die für uns schon unnatürliche Dunkelheit während der Kerzenführung im Vergleich zur Beleuchtung im Mittelalter ja regelrecht grell hätte wirken müssen, denn das Kloster war einst noch sehr, sehr viel düsterer."
Um diese besondere Stimmung zu bewahren, ist Fotografieren während der Führung nicht gestattet. Und auch für kleine Kinder ist der Abend im Dunkeln nur bedingt geeignet. "Und auch für Kinder unter zehn Jahren ist die Führung bei Kerzenschein nichts, das muss man ganz klar betonen."
Damit Familien dennoch auf ihre Kosten kommen, gibt es eigene Angebote: "Dafür bieten wir aber am 29. November und am 27. Dezember eigene Familienführungen an: Hier dürfen dann auch mal die Kleinen ein bisschen laut sein."
Am eindrucksvollsten wird es oft in der Klosterkirche, einer dreischiffigen Basilika, die in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts zunächst im Stil der Romanik erbaut wurde. Wenn hier die Kerzen brennen, tanzen die Schatten über den Pfeilern und im Gewölbe, und für einen Moment wird es still – auch im 21. Jahrhundert.
Zum Abschluss dieses Abschnitts der Führung erklingt Musik: "Die gregorianischen Gesänge passen hier natürlich bestens, damit runden wir den Besuch in der Klosterkirche stimmig ab", betont die Gästeführerin.
"Für mich ist aber auch der Kreuzgang ein Highlight", sagt sie. Hier spürt man das Wetter, den Wind, manchmal den feuchten Hauch der Nacht. "Eine leicht neblige Vollmondnacht rundet das Erlebnis perfekt ab."
Die Kerzenschein-Führungen sind nur eines von mehreren besonderen Formaten in Maulbronn. "Wir bemühen uns immer, das Kloster mit neuen Ideen zu beleben, unsere ‚Führung uff schwäbisch‘ oder die ‚Maultaschenführung‘ sind auch gute Beispiele", erklärt Franke. Doch das Spiel mit Dunkelheit und Licht bleibt auf die drei dunkelsten Monate des Winters beschränkt.
> Infos:
> Anreise: Maulbronn liegt rund 60 Kilometer südlich von Heidelberg, die Anreise führt über die A5 bis Bruchsal, und hernach über die B35, die Fahrt dauert rund eine Stunde. Wer Zeit hat, wählt die landschaftlich schönere Strecke über Wiesloch oder Bretten, und entdeckt nebenbei noch das Land der tausend Hügel, den Kraichgau. Die Anreise mit Bahn und Bus dauert rund 1,5 Stunden.
Weitere Infos: Auskünfte zu den Sonderführungen sowie zum Gesamtprogramm des Klosters Maulbronn gibt es unter: www.kloster-maulbronn.de. Dort sind sämtliche Termine der Sonderführungen "Bei Kerzenschein und Glühwein" gelistet, die Teilnahme (ohne Getränke) kostet regulär 13 Euro und ermäßigt 6,50 Euro.
> Offene Termine 2025:
Freitag, 5. Dezember, 17 Uhr
Freitag, 5. Dezember, 18 Uhr
Freitag, 19. Dezember, 17 Uhr
Freitag, 19. Dezember, 18.30 Uhr
Samstag, 20. Dezember, 17 Uhr
Samstag, 20. Dezember, 18.30 Uhr
Samstag, 27. Dezember, 18.30 Uhr
Sonntag, 28. Dezember, 17 Uhr
Sonntag, 28. Dezember, 18.30 Uhr



