Sound der Woche

Aerosmith und Yungblud - Wie Opas und Enkel

Mit Aerosmith und Yungblud treffen sich Rock-Vergangenheit und -Zukunft. Außerdem reingehört haben wir auch bei Mavis Staples, Betterov, Jörg Holdinghausen und Steiner & Madlaina.

26.11.2025 UPDATE: 30.11.2025 04:00 Uhr 3 Minuten, 18 Sekunden
Foto: Ross Halfin​

Von Steffen Rüth

Es ist ein Schnellschuss – aber einer, der voll ins Schwarze trifft. Erst im September sind Yungblud und Aerosmith gemeinsam bei den MTV Video Music Awards aufgetreten, um ein Medley zu Ehren des verstorbenen Ozzy Osbourne zu spielen. Die Chemie stimmte offenbar. Schon kurze Zeit später traf man sich im Studio wieder. Aber wer ist dieser junge Mann, den die Rock-Granden Steven Tyler und Joe Perry so schnell ins Herz geschlossen haben?

Dominic Richard Harrison heißt der 28-jährige Sohn eines Gitarrenhändlers aus dem englischen Doncaster, der als Yungblud bereits vier Alben rausgebracht hat. Das jüngste, "Idols", kam im Juni raus und huldigte den Genre-Heroen von Bowie bis eben Ozzy und Aerosmith (die RNZ berichtete). Und auch wenn die Rockpresse Yungblud mit einem gewissen Argwohn beäugt: Die Gen Z liebt ihn. Warum auch nicht? Denn trotz seines flamboyanten Auftretens spricht der junge Mann, der sich gerne geschminkt und mit freiem Oberkörper zeigt, offen über mentale Herausforderungen. Jüngst sagte er aus psychischen Gründen eine ganze Reihe von Konzerten ab. Tritt er aber ins Rampenlicht, wird Yungblud zu Recht als einer jener Namen gefeiert, die dem Rock’n’Roll nach dem Abgang der goldenen Generation wieder Glanz verleihen.

Auf der anderen Seite des Aufnahmemikros: die Classic-Rock-Giganten aus Boston, die die Spielart seit mehr als einem halben Jahrhundert mit Hits wie "Walk This Way", "Sweet Emotion" oder "Love In An Elevator" prägen. In den vergangenen zwölf Jahren haben Aerosmith aber keine neue Musik mehr veröffentlicht. Aufgrund der gravierenden Stimmbandverletzung von Steven Tyler rief die Band 2024 zudem das Ende ihrer Bühnenkarriere aus. Für die fünf Songs der neuen EP "One More Time" reicht es zum Glück noch.

Und es ist bemerkenswert, was für einen druckvollen Sound Tyler, Perry und Harrison hier auf die Kette bekommen. Mit "My Only Angel" gibt es eine räudig-kraftvolle Uptempo-Nummer. Auch "Wild Woman" klingt wunderbar dynamisch und motiviert – hier ertönt sogar ein kleines Orchester. "A Thousand Days" ist dann eine Ballade im Stil der großen Aerosmith-Späthits und "Back In The Saddle" eine solide Neuaufnahme des 1976 veröffentlichten Songs, der hier ja auch inhaltlich Sinn ergibt.

Der heimliche Höhepunkt der EP indes heißt "Problems", erinnert stark an eine Oasis-Stadionhymne und fasst mit der Choruszeile "I got a whole lot of problems / But it don’t matter when I’m with you" die Gemengelage rund um diesen erfrischenden Zusammenschluss von Männern, die einander Enkel und Opas sein könnten, bestens zusammen. Fazit: Wie schon bei den ähnlich gelagerten Kombis aus Udo Lindenberg und Apache 207 oder Elton John und Brandi Carlile ist auch die Fusion zwischen Aerosmith und Yungblud gewinnbringend für alle.

Info: 

Die EP "One More Time" ist aktuell erhältlich. Eine gemeinsame Tour ist allerdings nicht vorgesehen.








Celeste und mehr. Hier geht es zum Sound der letzten Woche.


Sound der Woche

FKA twigs

Eusexua Afterglow

Rave-Pop So hyper-zappelig wie Charli xcx rauscht FKA twigs nicht ein. Auch das sakrale Schmettern einer Rosalía ist nicht ihr Ding. Dennoch braucht sich die 37-jährige Britin nicht vor ihren Kolleginnen zu verstecken: Mit "Eusexua" hat sie der Art-Pop-Welt ein Geschenk gemacht, das Fans und Kritiker gleichermaßen verzückte. Verschnörkelte Feengesänge hallen von den Betonmauern eines Technoclubs wider – so könnte man die Grundidee zusammenfassen. Auf das High des im Januar veröffentlichten Erfolgsalbums folgt jetzt die Afterparty: 40 Minuten mit FKA twigs, in denen wir allmählich in den Morgen wanken. Euphorisch, verstrahlt, melancholisch, horny – aber niemals niveaulos. (dasch) ●●

Für Fans von: Björk, Charli xcx

Bester Song: Hard


Cheap Trick

All Washed Up

Rock Der Titel erinnert selbstironisch an das Frühwerk "All Shook Up" von 1980. Aber die für Hits wie "I Want You To Want Me" bekannte Band bietet hier weit mehr als einen alten Aufwasch. Im Gegenteil: Über elf Songs mixen Cheap Trick Bubblegum- mit Garagenrock, pompöse Orchestrierung und schnörkellose Einfachheit. Dazu servieren die Recken um Frontmann Robin Zander Autobiografisches mit einer satten Portion Selbstbewusstsein. Eine geschmackvolle Mischung! (gol) ●●

Für Fans von: Alice Cooper

Bester Song: Bad Blood 


Portugal. The Man 

Shish

Indie-Rock/Pop Uff! Auf dem Album-Cover werden Robben geschlachtet. Der Opener knarrt und quietscht rund 30 Sekunden, ehe es in gefälligere, poppigere Gefilde geht. Nur, um dann, bei Track zwei ("Pittman Ralliers"), ein ziemliches Metal-Brett hinzuknallen. Worauf folgend wiederum die psychedelischen Gitarren heulen. Und so weiter. Kurz: John Gourley und Ehe Zoe Manville, der verbliebene Kern der Band, machen es den Hörern nicht leicht. Die große Klammer: Alaska – und die Unberechenbarkeit. (sös) ●●

Für Fans von: Fleet Foxes

Bester Song: Knik


Rufus Wainwright 

I’m A Stranger Here Myself

Jazz Bereits mit 14 liebte Rufus Wainwright Opern und die Musik von Édith Piaf und Judy Garland, der er zuletzt eine Tour und ein Album widmete. Insofern darf es niemanden wundern, wenn er nun auf seinem Tribute-Album "I’m A Stranger Here Myself – Wainwright Does Weill" Songs des Komponisten Kurt Weill interpretiert. Begleitet vom Pacific Jazz Orchestra singt er bei dem 2024 in L.A. aufgenommenen Konzert mit viel Vibrato Klassiker wie "Surabaya Johnny", "Lost In The Stars" und "Mack The Knife" (sogar auf Deutsch). Es swingt ordentlich. Die Filmstreicher und fetten Bläser wirken dramatisch und operettenhaft. Aber jetzt, vor Weihnachten, ist das ja vielleicht gar nicht so verkehrt. (welf) ●●

Für Fans von: Édith Piaf

Bester Song: September Song