Vertreter von Landratsamt und Polizei machten sich gestern vor Ort im Walldorfer Industriegebiet ein Bild von den Zuständen in der Flüchtlingsunterkunft - und befanden sie als "absolut akzeptabel" für eine Notlösung. Foto: Pfeifer
Seit Freitag übernachten Asylbewerber in Walldorf im Freien statt in der Gemeinschaftsunterkunft des Rhein-Neckar-Kreises
Walldorf. (seb) "Wir wollen wie Menschen behandelt werden", sagt der 46-jährige syrische Flüchtling auf Englisch, der auch für seine Schicksalsgenossen spricht. "Für eine Notunterkunft ist das absolut akzeptabel", meint Stefan Becker, Ordnungsamtsleiter im Landratsamt.
Seit Freitag übernachten rund acht Flüchtlinge vor der Gemeinschaftsunterkunft im Walldorfer Industriegebiet, die der Rhein-Neckar-Kreis Anfang August kurzfristig angemietet und hergerichtet hat. Zahlreiche besorgte Anfragen hierzu haben das Landratsamt, Stadt Walldorf und auch die Rhein-Neckar-Zeitung erreicht. Gestern haben Stefan Becker und weitere Vertreter vom Rhein-Neckar-Kreis und der Polizei erneut versucht, sie zu überzeugen, in die Halle einzuziehen, wo es immerhin "warm und trocken" sei.
In der Unterkunft ist ausreichend Platz, wie Becker und auch Vertreter der Stadt, des hiesigen Arbeitskreises Asyl und der Polizei bestätigen - ebenso wie die Flüchtlinge selbst. Insgesamt leben hier über 200 Asylbewerber praktisch an einem Fleck, in der Regel sind es sechs Personen pro Parzelle - so ist das ehemalige Industriegebäude unterteilt; sie schlafen in Stockbetten. Das ist natürlich nicht vergleichbar mit der Unterbringung beispielsweise in Mehrfamilienhäusern, wie andernorts möglich.
"Wir wollen keine teuren Hotels", betont der 46-Jährige, der in Syrien Englischlehrer war und seine Familie zurücklassen musste. Er wünsche sich, mit Respekt behandelt zu werden, dass sein Asylantrag schneller bearbeitet werde, dass seine Familie zügig nachkommen kann - und dass sie eine bessere Unterkunft mit mehr Privatsphäre erhalten. Auf seinem Handy zeigt er Fotos von der Halle der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal, wo er zuvor war - dort werden seit Juli Flüchtlinge untergebracht, weil die Landeserstaufnahmestelle in Karlsruhe überlastet ist. "400 Menschen waren für 30 Tage dort", erzählt er. Das sei für ihn unerträglich gewesen und von der Unterkunft in Walldorf hätten er und die anderen Flüchtlinge sich mehr erhofft. Für ein oder zwei Wochen halte man das aus, aber nicht auf Dauer. Das sei der Grund, warum sie jetzt mit dem Übernachten im Freien protestierten.
Von den Verantwortlichen gibt sich keiner zufrieden oder behauptet, die Zustände seien optimal. Aber mehr sei momentan nicht machbar angesichts der "riesigen Herausforderung", so viele Asylbewerber in so kurzer Zeit unterzubringen, erklärt Ordnungsamtsleiter Becker. Für jeden der Flüchtlinge stehe dort ein Bett bereit und es gebe auch genug Wasch- und Kochgelegenheiten. Sprecher der Polizei bestätigten überdies, dass es entgegen anderslautender Gerüchte zurzeit keine Krankheitsfälle unter den Flüchtlingen gibt.
Über die Pressestelle teilt das Landratsamt auf RNZ-Anfrage mit, dass nun der reguläre Weg eingeschlagen werden soll: Wie alle anderen Asylbewerber sollen die Protestierenden in der Unterkunft, im täglich besetzten Büro, auch registriert werden, eine Erstversorgung und Taschengeld erhalten. Dann werde ihnen auch bei Arztbesuchen oder alltäglichen Besorgungen geholfen.
Die Unterbringung an einem anderen Standort ist im Kreisgebiet zurzeit nicht möglich. Das macht Stefan Becker den Flüchtlingen im persönlichen Gespräch deutlich - man behilft sich mit Englisch. Er lässt sich fast eine Stunde Zeit, um ihre Anliegen anzuhören, und lädt sie auch ein, die Unterkunft gemeinsam mit ihm in Augenschein zu nehmen. Sie sind sich da noch unschlüssig. Dass sie weiter draußen übernachten, sei aber vor allem ihnen zuliebe - das Wetter wird schließlich immer kühler und ungemütlicher - nicht akzeptabel, so Becker.
Insgesamt, stellt Becker fest, "ist die Atmosphäre relaxt": Wenn man die Flüchtlinge, die schon länger in Walldorf leben, beobachtet, stellt man durchaus ein kameradschaftliches Verhältnis untereinander - und auch mit den Mitarbeitern der privaten Sicherheitsfirma - fest, das wird beim Besuch gestern offensichtlich.
Darüber hinaus erhalten die Flüchtlinge tatkräftige Unterstützung von zahlreichen Bürgern aus Walldorf und Umgebung. Organisiert werden die Sachspenden und andere Aktionen vom Arbeitskreis Asyl in Zusammenarbeit mit der Stadt Walldorf. Luxuriös sei die Unterkunft sicher nicht, so Oliver Tuscher, Gemeindediakon der evangelischen Kirchengemeinde und im "Arbeitskreis Asyl" aktiv, aber die Zustände seien "nicht dramatisch". Mit den länger hier lebenden Flüchtlingen pflege man gute Kontakte: "Wir kommen jeden Tag auf sie zu." Die große Zahl neuer Flüchtlinge aber bedeute, dass man noch etwas Zeit benötige, um sie kennenzulernen und auf persönlicher Ebene zu helfen.