Walldorf. (kvs) Den Auftakt der diesjährigen Lesungen in der Stadtbücherei Walldorf machte Benedict Wells mit der Vorstellung seines 2011 erschienenen Romans "Fast genial". Nach der sehr erfolgreichen Lesung im Jahr 2009 konnte Beate Lang, Mitarbeiterin der Bücherei, Wells zum zweiten Mal in Walldorf begrüßen. Ein Teil der damaligen meist weiblichen Fans hatte sich auch dieses Mal wieder eingefunden. Ein junger, frischer, unverbrauchter Autor saß einem erwartungsvollen Publikum gegenüber, das er fast schon etwas despektierlich mit dem allseits benutzten "Du" begrüßte. Der mit dem bayrischen Kunstförderpreis ausgezeichnete Wells führte die Zuhörer ohne lange Umschweife in die Ausgangssituation des Romans ein. Im Lauf des Abends kam er auch auf den Spiegel-Artikel zu sprechen, der den äußeren Anstoß zu seiner Geschichte gab: die wahnwitzige Idee eines Millionärs, aus den Samenspenden von Genies und Nobelpreisträgern neue Genies zu züchten. In den achtziger Jahren sind 217 Retortenkinder geboren worden. Francis Dean, der Protagonist von "Fast genial", ist eines von ihnen. Seine Suche nach dem leiblichen Vater gestaltet sich zu einem "Roadmovie"-Roman. "Ich habe, dafür, dass ich keine Ahnung vom Schreiben hatte, das Glück gehabt, dass sich die Geschichten der beiden ersten Romane während des Schreibens ganz von allein entwickelten", erklärte Benedict Wells seinen Umgang mit dem literarischen Spannungsbogen. Für "Fast genial" hat er sich nach eigener Aussage intensiver mit den theoretischen Grundlagen des Schreibens auseinander gesetzt. Und doch gerät manches eher klischeehaft. Die drei Freunde, die sich gemeinsam "on the road" auf den Weg machen, sich von Motel zu Motel ihrem Ziel nähern - all das hat man irgendwo schon mal gelesen. Spannend wird es wiederum, wenn Wells ureigene Erfahrungen verarbeitet wie beispielsweise in der Kasinoszene, die an Dramatik nicht zu übertreffen ist. Lässig mit dem Mikrofon in der Hand versuchte Benedict Wells entweder seine jugendliche Unsicherheit zu überspielen oder einen modern und "coolen" Eindruck zu vermitteln, was nicht immer gelang. Seine schnelle, atemlose Art des Lesens erinnerte an einen Getriebenen, der in kurzer Zeit so viel wie irgend möglich erzählen will. Ungewöhnlich, aber auch sympathisch erschien seinen Zuhörern die Auswahl der Kapitel, die er vorlas. Um die mitgereisten Fans, die schon die Lesung in Heidelberg besucht hatten, nicht zu langweilen, erkundigte sich Wells, welche er denn noch nicht zu Gehör gebracht hatte. In einem Interview äußerte der Wahlspanier: "Nichts ist schlimmer als ein Schriftsteller ohne Buch ..." Doch in diese Situation wird Benedict Wells wohl nach seinen Anfangsjahren nicht mehr geraten. Der gebürtige Münchner hat schon die nächste Geschichte in der Schublade, die sich mit der Langzeitwirkung von Schlüsselerlebnissen im Leben eines Menschen auseinandersetzen wird. Die interpretative Frage: "Was wollte uns der Dichter damit sagen?", stellte sich dem Walldorfer Publikum nicht, denn der Autor erklärte umfassend, was ihn angetrieben hat. Ihn interessieren die Schwächen und Fehler an Menschen, die Brüche in Lebensläufen. Das Ende seines Romans hatte Benedict Wells schon von Anfang an im Kopf. Die Zuhörer dieses Abends aber lässt er ganz bewusst im Ungewissen über den Ausgang der Geschichte. "Lest bitte nicht den Schluss zuerst! Ihr bringt euch um das Beste." Damit entließ Wells sein wohlgeneigtes Publikum.
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