|
Anzeige
Augen auf!
"Bestenfalls Note drei bis vier", meint Alexander Ehhalt, Heidelbergs bekanntester Werbefotograf, bezüglich des Abendlichts während einer kleinen Scouting-Tour über die Heidelberger Neckarwiese. Bei einem leicht diesigen Himmel und einem Licht, das alles "flach macht" wie heute würde er mit seiner schweren Kameraausrüstung normalerweise nicht losziehen, um zu fotografieren. Für den kleinen Scouting-Ausflug hat er seine kleine Minikamera von Leica dabei und sein i-phone, das eine digitale Bearbeitung der gemachten Probeaufnahmen an Ort und Stelle möglich macht. "Scouten" - das meint zunächst einmal den Motivtest. Geht das so, wie ich das will? Welcher Blickwinkel ist günstig? Kann ich meine Vorstellung von einem Bild hier umsetzen? Visualisieren nennt er den Vorgang, wenn ein Fotograf sich einem möglichen Motiv annähert. Das Bild im Kopf will auf Film gebannt werden oder in Pixel auf dem Speicherchip der Kamera umgesetzt werden. "Das wollte ich schon immer einmal machen". Dieser Satz kann ein wichtiger Antrieb sein, um mit der Kamera loszuziehen. So wie jetzt auf der Neckarwiese. Gegenüber liegt der Yachthafen. Zwar in einem für den "Lichtfan" Ehhalt lausigen Licht aber als Motiv jetzt erst einmal eingrenzbar: Er will den Yachthafen frontal vom diesseitigen Ufer mit dem Wasserturm im Hintergrund bei einer glühenden Abendsonne ablichten. Wenn das Licht dafür einmal da sein sollte. Das steht bei ihm noch auf der Heidelberger "Nicht-Haben-Liste". Das Wort "Licht" kommt in seinen Ausführungen - gefühlt - in jedem dritten Satz vor. Die alte Fotografenregel "first light" will nicht sagen, dass es immer das erste Licht am frühen Morgen sein muss, sondern dass zuallererst die geeignete Lichtqualität über das Gelingen einer gute Fotografie entscheidet. Schließlich bedeutet "Photographie" übersetzt "Malen mit Licht" und das vorhandene Licht beeinflusst alle anderen Gestaltungsmittel eines Fotos. Ein gutes Foto ohne "fotografisch gutes Licht" ist kaum möglich, glaubt Ehhalt. Es sei denn, in dem Foto geht es gar nicht um Ästhetik oder Schönheit des Motivs. Bei der Gebrauchsfotografie, unter die er auch die Milliarden von Urlaubsschnappschüssen zählt, die alljährlich auf Speicherkarten der Digitalkameras landen und dann in den virtuellen Tiefen der Heimcomputer enden, steht ein anderer Gedanke dahinter: Man hält oft etwas auf dem Foto fest, um es jemandem anderen später zu zeigen. Fotografen suchen Beziehungen im Bild, Snapshooters schauen nach Gegenständen. Eine andere Form der Visualisierung ist die "Post-Visualisation" wie in der Straßenfotografie. Da zählt hauptsächlich der Moment einer Situation, die so nie wieder kommt. "Streetfotos" entstehen aus der Intuition heraus, schnell geschossen, vielleicht aus der Hüfte oder über dem Kopf. Eine lange geplante Komposition spielt dabei keine Rolle, Gedanken über den Bildaufbau werden im Moment der Aufnahme nicht hinterfragt auch nicht das so wichtige Licht. Es entstehen unter Umständen sehr viele Aufnahmen in sehr kurzer Zeit, aus welchen erst nachträglich die enge Auswahl getroffen wird, welche den eigenen Vorstellungen entspricht. Doch Ehhalt trennt klar zwischen dem, was man Schnappschuss nennt und dem was eine aussagekräftige Aufnahme ausmacht. "Entweder mache ich Urlaub oder ich gehe Fotografieren", meint er. Doch manchmal gibt es auch Augenblicke für einen wie ihn, der in seiner Freizeit schwerpunktmäßig Landschaft fotografiert, die nicht mehr wieder kommen. "Jeder hat sich schon einmal darüber geärgert, dass er im entscheidenden Augenblick keine Kamera dabei hatte", so Ehhalt. "Dann genieße ich einfach den Moment ohne Kamera". "Ein Fotograf hat immer die Augen offen für Motive", sagt er. Zum Beispiel auch auf der Neckarwiese. Beim Scouten am Yachthafen bringt ihn eine Ruderin im Einer auf eine Idee. Das im Vordergrund wäre vielleicht gar nicht schlecht. Ein Vierer tut ihm den Gefallen. Einmal auf den Auslöser gedrückt sind alle Weichen gestellt - Komposition, Licht, Motiv, Stimmung sind festgehalten. "Aber was trägt das Ruderboot eigentlich zum Bild bei", fragt sich Ehhalt - formal ist es ein langweiliger horizontaler Strich, thematisch betrachtet ist es keine Yacht, noch nicht einmal weiß ist es. Die herabhängenden Blätter und Äste eines alten Baumes strukturieren das Bild wenigstens in Vorn und Hinten, geben dem Foto einen formalen Halt. So könnte es gehen. Oder mit der Kamera ganz flach über das Wasser fotografieren. "Der Standort hier ist gar nicht schlecht", hat er inzwischen heraus gefunden. Wenn dann das Licht einmal mitspielt... Mit einem Bearbeitungsprogramm wird aus dem einfachen Foto zunächst ein Schwarz-Weiß-Bild, dem dann eine leichte Tönung beigemischt wird. Die Kontraste werden verstärkt. Sieht schon besser aus. Durch eine geschicktere Motivauswahl mit zwei jungen Damen, die mit dem Rücken zur Kamera sitzen und den Fluss betrachten, kommt Gefühl ins Bild. "Manchmal muss man sich auch intuitiv leiten lassen", widerspricht Ehhalt einem rein intellektuell geplanten Bildaufbau. "Fotografieren ist mehr als nur das Abbilden der Wirklichkeit, deshalb kann das Foto, das am Ende dabei heraus kommt, auch von der Realität abweichen", so der Profi. Wie hoch ist eigentlich der Anteil der kreativen Bildbearbeitung am Computer am späteren Foto? "50 Prozent, so wie früher auch", sagt er etwas überraschend. Der Computer und das Bildbearbeitungsprogramm sind moderne Dunkelkammer und Fotolabor in einem. "Man kann auch in der analogen Fotografie bei der Steuerung der chemischen Entwicklung und durch Techniken beim Vergrößern aus demselben Negativ völlig unterschiedliche Bildaussagen zaubern. Eines ganz düster, dunkel und drohend, das andere ganz hell, licht und fröhlich. Wie das Bild ausfallen soll, entscheidet der Fotograf selbst. Der Vorgang dient nur dazu, das gemachte Foto, der eigenen Vorstellung und Fantasie entsprechend zu Ende führen. Die Technik dient der eigenen Kreativität. Eine gute Kamera schränkt die Kreativität weniger ein als eine schlechte. Ganz und gar ungeplant führt der Scouting-Ausflug an einer Birke auf der Neckarwiese vorbei, in deren Rinde zahllose Namen und Sprüche eingeritzt sind. Sofort wird sie zum Fotomotiv. Für den Laien als Baumstamm mit Einritzungen und mit Menschen im Hintergrund, in Ehhalts Vorstellungskraft mutiert sie als Nahaufnahme in ein abstraktes Kunstwerk. "Dort vorn an dem dicken Stamm gibt es auch etwas", erzählt Ehhalt. Tatsächlich scheint die Rinde mutwillig abgerissen und an manchen Stellen schwarz angebrannt. Orange-braune Stellen des Rindeninnern treten zu Tage. Erst aus der Distanz wird deutlich, dass der Baum einen schwarzen Graffiti Schriftzug aufweist. Mit der Sprühdose hat sich einer mit dem Wort "fuck" auf dem Baum verewigt. Digital nachbearbeitet wird aus der Nahaufnahme eine informelle Malerei. "Das wollte ich schon immer einmal machen", sagt Ehhalt und grinst. Fotografieren und Visualisierung beginnt mit dem intensiven "Hinschauen" oder "Betrachten". Intensiv, nicht oberflächlich, wie wir es tagtäglich machen, wenn wir durch die Welt gehen. Um durch eine Tür zu gehen, muss ich die Tür nicht genau betrachten. Wir müssen nach den Elementen suchen, welche später zu einem Foto zusammengesetzt werden, sagt Alexander Ehhalt. Wenn wir fotografieren, sehen wir alles intensiver. Wenn man achtlos umherschaut, lernt man gar nichts. Fotografie erfordert Arbeit. Die Arbeit beginnt damit, aufmerksam und sorgfältig hinzuschauen. Bald entdeckt man Dinge, die man vorher übersehen hat. Dann geht es an die Arbeit, diese Dinge herauszuarbeiten, so dass der Betrachter später auch hinschauen will. Wenn das nicht der Fall ist, waren alle Bemühungen umsonst. Und je mehr Interesse man selbst an bestimmten Dingen hat, desto mehr wird man entdecken und persönliche Aspekte in die Bilder einbeziehen. Und noch ein letzter Tipp: "Verstehe, was Du sagen willst! Verstehe, wie Du es sagen willst! Sage es nun ohne Kompromiss! Jetzt bist Du im Begriff, kreativ zu fotografieren".
Anzeige |