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"Kein Freizeitstress für Kleinkinder"

Prof. Sabina Pauen. Foto: privat
Prof. Sabina Pauen. Foto: privat

Von Birgit Sommer

Kaderschmiede Krabbelgruppe: Wer nur wenige Kinder in die Welt setzt wie die Deutschen, will nichts falsch machen und diesen den besten Start ins Leben verschaffen. Sind die Eltern überehrgeizig, wenn es um die Förderung ihrer Kleinkinder geht? Wie ist das richtige Maß zwischen Fordern und Fünf-gerade-sein-lassen? Die Heidelberger Entwicklungspsychologin Prof. Sabina Pauen rät jedenfalls zur Gelassenheit: "Aus Angst, in der Erziehung etwas zu verpassen, gerät den Eltern womöglich das Kind selbst aus dem Blick. Das kann nicht das Ziel sein."

Dass die frühe Kindheit für die Entwicklung wichtig ist, weiß man schon länger. Das Gehirn des Neugeborenen wird sich noch verdreifachen - und das meiste davon geschieht im ersten Lebensjahr. Doch erst seit den neunziger Jahren schaut man den Kleinsten richtig in den Kopf und hat erkannt, dass die Nervenzellen erst mal viel mehr Verbindungen knüpfen als gebraucht werden. Allerdings bilden sie sich teilweise wieder zurück. Die Zeit der höchsten Anzahl der Verknüpfungen variiert je nach Gehirnbereich. Für das Sehen etwa geht der Anstieg bis zum 8. Monat, bis zum zweiten Geburtstag sind die Kinder schon auf Erwachsenenniveau zurückgefallen.

"Die Gipfel sind in der Regel lernsensible Phasen, in dieser Zeit braucht das Gehirn Futter," sagt die Psychologin. Im Spiel der Kinder etwa werde dann genau das trainiert, was das Gehirn gerade an Einspeisung brauche. Aber die normale Umwelt biete bereits die richtigen Anregungen, wenn ein Kind liebevoll behandelt und nicht vernachlässigt werde. Ihr Tipp an die Eltern: Ein ausgewogenes Umfeld bieten und Kinder nicht zu früh unnötig festlegen.

Was bringt Mozart schon in der Schwangerschaft? "Es gibt Studien, dass diese Musik die Hirnaktivitäten beim Kind anregt", sagt Prof. Pauen. Doch sie hinterfragt die Haltung der Schwangeren, denn: "Musikgenies lassen sich so nicht heranziehen."

"Pekip"-Kurse, Krabbelgruppe, Schwimmkurs? "Ein Kurs pro Woche ist für Babys nicht schädlich, er muss aber nicht sein", findet Sabina Pauen. Viel wichtiger ist ihr eine gute Ausbildung für Krippen-Erzieher. Für diese und für Eltern hat sie in einem Entwicklungstagebuch 111 wichtige Meilensteine beschrieben, die Kinder bis zum dritten Geburtstag erreichen können.

Älteren Kindern, die über Mittag im Kindergarten bleiben, würde Sabina Pauen nicht anschließend noch mit Freizeitstress kommen. Überhaupt müsse man für sie Raum und Zeit schaffen, die nicht mit Aktivitäten gefüllt seien. Nur so könnten sie lernen, wie man sich gegen Reize und die hochattraktive Ablenkung ringsum abschottet.

Das Kindergarten-Alter ist eine Zeit intensiven Lernens. Kinder entwickeln dann Sprachkompetenz und Kommunikationsregeln, trainieren Sozialverhalten und Motorik. Ganz wichtig: die Impulskontrolle. "Das lernen wenige Kinder heute. Viele Eltern glauben, man müsse dem Willen des Kindes Platz lassen, statt Nein zu sagen." Fremdsprachen zu lernen hält Sabina Pauen nur dann für richtig sinnvoll, wenn es auf natürliche Weise mit zweisprachigen Eltern geht. "Ein Muttersprachler im Kindergarten schadet aber auch nicht." Immerhin: "Beim Sprachenlernen bis in die Vorpubertät ist akzentfreies Sprechen möglich."

Und ab wann sind Fernsehgucken und Computerspiele förderlich? Betrifft das überhaupt schon Kleinkinder? Die Entwicklungspsychologin ist da pragmatisch: "Fernsehen und Computer gehören zur Kultur." Aber der Fernseher sollte am besten nicht sichtbar im Wohnzimmer stehen, wo die Kinder die Erwachsenenprogramme mitgucken - und schon gar nicht als eigenes Gerät im Kinderzimmer. Für sie gilt bei den Drei- bis Sechsjährigen: "Bewusst fernsehen und Kinder dabei nicht alleine lassen. Es gibt ja wertvolle Programme im Kinderkanal." Prof. Pauen verweist aber ausdrücklich auf eine australische Studie, nach der kindlicher Fernsehkonsum den Intelligenzquotienten direkt beeinflusst: "Fernsehen ist schädlich für die Denkentwicklung."

Die Entwicklungspsychologin kennt allerdings schöne und lehrreiche Computerspiele für Fünf- bis Sechsjährige. Der Umgang mit Maus und Tastatur - eine gewisse erste Medienkompetenz - könne nicht schaden. Auch hier heißt es für sie: Alles eine Frage der Menge.

Hintergrund:
> Frühkindliche Entwicklung: Jedes Kind entwickelt sich anders: Manche können an ihrem ersten Geburtstag längst laufen, andere sprechen schon ein Dutzend Worte, bevor sie sich das erste Mal auf die Beine stellen. Trotzdem lassen sich einzelne Entwicklungsschritte ausmachen, die fast jedes Kind erreicht. Solche Meilensteine zu kennen, hilft, ein Kind zu verstehen. Für die ersten drei Lebensjahre hat Prof. Sabina Pauen die Meilensteine in einem Entwicklungstagebuch beschrieben ("Vom Baby zum Kleinkind", Spektrum/Springer Verlag). Zudem hat sie das Projekt "Mondey" aufgebaut ("Meilensteine der normalen Entwicklung in frühen Jahren"), das auf den gleichen neuesten entwicklungspsychologischen Erkenntnissen basiert. "Mondey" enthält 111 wichtige Meilensteine, die sich gut im Alltag beobachten lassen, bedeutsam für die weitere Entwicklung und wichtig für den täglichen Umgang mit Säuglingen und Kleinkindern sind - von der Grobmotorik bis zur Selbstregulation und den Gefühlen.

Jeder kann "Mondey" über das Internet nutzen, um sich einen Überblick zu verschaffen, wie sich das eigene Baby entwickelt. Zudem kann man seine Erkenntnisse verschlüsselt und anonym dem Psychologischen Institut der Universität Heidelberg für Forschungszwecke zur Verfügung stellen.

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