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| Möchte künftig wieder eine attraktiv spielende TSG sehen: Dietmar Hopp. Foto: APF |
Von Joachim Klaehn
St. Leon. Dietmar Hopp (72), der Gesellschafter und Beiratsvorsitzende der TSG 1899 Hoffenheim, hat bisher 240 Millionen Euro in den Verein und in dessen Infrastruktur investiert. Der SAP-Mitbegründer stand der RNZ in seinem Büro im Golfclub St. Leon-Rot ausführlich Rede und Antwort.
Herr Hopp, die EM ist in vollem Gange, am Montag werden in Hoffenheim interne Leistungstests durchgeführt und am Dienstag (17 Uhr) ist offizieller Trainingsstart. Wie groß ist die Vorfreude und Zuversicht bei Ihnen?
Die Zuversicht ist merklich gestiegen und ich hoffe, dass die Mannschaft wieder erfolgreicher spielen wird. Die letzte Saison hat einige Nerven gekostet, weil wir relativ nahe am Abstieg gewesen sind. Ich bin zuversichtlich, dass wir in der kommenden Saison wieder eine attraktive TSG sehen werden.
Die Entscheidung ist gefallen, dass Trainer Markus Babbel auch Manager bleiben soll. Ist es nicht wichtig, in diesen zwei Schlüsselfunktionen auf Korrektive zu setzen statt einen "Magath-Kurs" zu fahren. Weshalb bekommt Babbel so viel Vertrauensvorschuss?
Markus Babbel bleibt so lange Manager und Trainer in Personalunion, wie er das möchte. An dieser Situation hat sich nichts geändert, weil er erklärt hat, dass er sich die Doppelrolle weiterhin zutraut. Er hat ja zudem mit Dirk Rittmüller einen starken Mann zur Seite bekommen. Der ist durch und durch ein Fachmann, der in Transferfragen und im Vertragswesen alles versteht, so dass Babbel ausreichend Zeit für die Betreuung der Mannschaft und die Auswahl neuer Spieler hat. Zusammen mit weiteren kompetenten Köpfen in unserer sportlichen Abteilung halte ich uns für gut aufgestellt.
Was ist also Dirk Rittmüller?
Bisher war er Teammanager, was er auch bleibt. Wichtig ist ausschließlich, dass die Funktion ausgefüllt wird, nicht der Titel. Deshalb müssen wir uns auch keine Gedanken machen, ob für ihn eine neue Stellenbezeichnung sinnvoll sein könnte.
Babbel übernahm auf Platz 8, 1899 schloss die vergangene Saison als 11. ab? Was entgegnen Sie vielen Fans, die den Trainerwechsel von Stanislawski zu Babbel als aberwitzig empfinden?
Zunächst glaube ich, dass aus den 'vielen Fans' sehr schnell eher 'sehr wenige' geworden sind. Eine unabhängige Umfrage vor einigen Wochen ergab, dass beinahe 80 Prozent der Fans im Nachhinein die Trennung für richtig gehalten haben. Zu Ihrer Frage: Beim Trainerwechsel haben wir uns auf den Rat von Leuten verlassen, die es wissen müssen. Die Mannschaft war unter Stani klar im Abwärtstrend - Platz 8 war eher trügerisch, weil der Abstand zur Abstiegszone recht eng war. Wir hätten ja auch unter Babbel noch absteigen können, wenn wir nicht die Spiele gegen Gladbach und Wolfsburg gewonnen hätten. Ich wage nicht daran zu denken, was passiert wäre, wenn wir nicht gehandelt hätten. Nehmen Sie Eintracht Frankfurt vorletzte Saison, die waren Achter nach der Vorrunde und sind abgestiegen.
Mit Stani und Torhüter Tom Starke wurden zwei Fan-Lieblinge und Sympathieträger des Vereins entlassen. Weshalb mussten beide gehen?
Die beiden Fälle muss man getrennt sehen - es waren selbstverständlich aber keine Aktionen gegen die Fans, das wäre albern. Die Fans sollten verstehen, dass man in bestimmten Situationen im Sinne des Vereins agieren bzw. reagieren muss. Die Geschäftsführung des Vereins steht in der Verantwortung, ich als Gesellschafter und Beiratsvorsitzender aber auch, genau wie Peter Hofmann als Präsident und Mehrheitsgesellschafter. Tom Starke wäre die Nummer zwei bei uns geworden, weil Babbel Tim Wiese wollte und es geschafft hat, diesen für einen Wechsel von Bremen nach Hoffenheim zu gewinnen. Aber für Tom haben sich ja später die Dinge glücklich gefügt - wie man weiß ist er zum FC Bayern gewechselt.
War Starke etwa der unbequeme Kritiker geworden, als er über 1899 und die Turbulenzen gesagt hatte: "Wir machen uns in ganz Deutschland lächerlich" ...
Die Aussage war sicher nicht glücklich. Wir haben mit ihm gesprochen und er hat uns erklärt, wann und wie er das gesagt und vor allen Dingen gemeint hat. Diese Sache mit Tom ist längst vollständig ausgeräumt und hat mit der Entscheidung für Tim Wiese nichts zu tun. Wir haben nach wie vor ein gutes und freundschaftliches Verhältnis zu ihm.
Die Fangruppen haben enorme Schwierigkeiten, den Kurswechsel des Klubs zu verstehen. Stani hatte den Auftrag, mit relativ günstigen Transfers den Neuanfang zu starten, "Financial Fairplay" wurde zum Leitmotiv erhoben. Mittlerweile spricht Babbel vom Erreichen der Champions League, womit er sich selbst unter Zugzwang bringt - und an die ehrgeizige Herangehensweise von Ralf Rangnick erinnert. Erkennen Sie selbst noch eine klare Linie im Verein?
Man muss da die Historie betrachten. Zum Zeitpunkt als Ralf Rangnick gegangen ist, war Financial Fairplay bereits ein Thema. Wir mussten Luiz Gustavo verkaufen. Das war fundamental wichtig, um eine Chance zu haben, die Kriterien des Financial Fairplay zu erfüllen. Denn auch die Deutsche Fußball-Liga überlegt nach unseren Informationen, ob und wann Financial Fairplay ein Maßstab für die Lizenzvergabe sein wird. Unser geplanter Etat mit 30 bis 33 Millionen Euro ist in jedem Fall darstellbar. Und ich denke, damit liegen wir immer noch in der ersten Hälfte der Bundesliga. Durch Fehleinkäufe wurde der Etat in der Vergangenheit zu hoch. Ein zusätzliches Problem war dann, dass der Lizenzspielerkader am Ende der vergangenen Saison 41 Spieler umfasste. Babbels klare Vorgabe ist nun, den Kader auf 26 Spieler zu verringern. Seine sportlichen Ziele begrüßen wir, weil der Trainer weiß, dass das vorgegebene Budget nicht überschritten werden darf. Wenn er also mit einem kleineren Kader eine höhere Qualität bei Einhaltung der Kosten schafft, ist das eine absolut sinnvolle Strategie. Sie sehen, es hat überhaupt kein Strategiewechsel stattgefunden, sondern allenfalls eine Optimierung im Rahmen unserer Möglichkeiten in Verbindung mit den neuen, handelnden Personen im sportlichen Bereich. Zudem wehre ich mich entschieden dagegen, ich hätte einen Sparkurs ausgerufen. Nein, wir haben vor etwa zwei Jahren begonnen, Konsequenzen aus der gesamten Entwicklung zu ziehen, wobei die wirtschaftliche Vernunft mit im Vordergrund steht und dabei sind wir auf einem wirklich guten Weg.
Für welche Idee oder Philosophie soll 1899 Hoffenheim künftig stehen?
Idee und Realität sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Es bleibt nach wie vor unser Ziel, eigene Talente in den Profikader zu bringen - darauf arbeiten wir hin. Meine Hoffnung geht dahin, dass wir jedes Jahr einen Spieler aus der Achtzehn99Akademie in den Bundesligakader bringen können - zumindest im langfristigen Durchschnitt. 2008 war unsere B-Jugend deutscher Meister, nun sind wir deutscher Meister bei den Mädchen geworden - was klasse ist, aber unserem Profiteam nicht weiter hilft (lacht). Darüber hinaus wollen wir den fußballbegeisterten Menschen in der Region eine Heimat sein, in der sie voller Leidenschaft ein Teil des Bundesliga-Geschehens sein können.
Das Image ist schlecht, die Außendarstellung mitunter katastrophal. Sind daran die "bösen Medien" schuld - oder woran könnte es letztlich liegen, dass Hoffenheim keine Herzenssache der Region mehr ist?
2008 hatten wir riesigen Erfolg, haben überragenden Fußball gespielt und haben dafür weltweit Anerkennung gefunden. Sie haben Recht, das ist abgeebbt! Aber es ist auch ein Stück Normalität - es geht nicht immer nur aufwärts. Wir sollten alle auch mal akzeptieren, dass das Niveau, auf dem wir angekommen sind, kaum noch zu toppen ist. Wir sind in der Bundesliga und hier passiert nun mal alles unter breiter Beteiligung der Öffentlichkeit. Nicht nur bei uns, auch bei den anderen Vereinen. In Bezug auf die TSG habe ich es so empfunden, dass die Maßstäbe irgendwann plötzlich verrutscht sind. Hinzu kamen die sogenannte Dopingaffäre und die sogenannte Schallaffäre, bei der wir wie Schwerverbrecher vorverurteilt wurden. Warum, das verstehe ich bis heute nicht. Solche Dinge haben unserem Ansehen definitiv geschadet. Sicher haben aber auch wir Fehler gemacht, wie das eben bei einem jungen Emporkömmling passieren kann - das ist keine Frage. Übrigens: In der Region sieht es nicht so düster aus, wie Sie meinen, da kenne ich ganz andere Meinungen dazu. Viele Leute wissen zum Glück zu schätzen, was hier entstanden ist.
Ein Leser schrieb uns: Bei Hoffe gäbe es "menschliche Sauereien" und "Fanverarschung", z.B. in Sachen Starke/Wiese. Und: "Eigenes Profil und eigene Meinung sind in Hoffenheim schon von der F-Jugend an unerwünscht. Zum Glück hat die TSG keine Fanszene, die das alles wirklich kapiert. Beim FCK würde der Betze brennen." Stimmt Sie das nicht nachdenklich bis besorgt?
Das ist unsachlich und zudem falsch. Aber wir können es nicht jedem Recht machen, deshalb möchte ich diese Aussagen auch nicht weiter kommentieren. Nur eines möchte ich Ihrem werten Leser sagen: Wenn es in Hoffenheim Verhältnisse geben sollte, wie auf dem 'Betze', mit Gewalt und Ausschreitungen, dann wäre das Ende absehbar. Die dominierende Mehrheit ist froh, dass wir solchen 'Vorbildern' nicht nacheifern.
Ein anderer Leser monierte, dass gesamte Erscheinungsbild der TSG sei von "glatter, distanzierter Professionalität" geprägt, er habe das "Anschauen der oft emotionslosen und wenig mitreißenden Luxustruppe" satt. Zum Fußball freilich gehören zwei Grundelemente: Emotionen und Einsatz. Wie kann diesem verzweifelten Manne geholfen werden?
Wahrscheinlich gar nicht, denn wenn er nicht mehr ins Stadion kommt, wird er es nicht miterleben, wenn die Mannschaft künftig stärker spielt. Man tut auch der Mannschaft Unrecht, denn sie hat nicht vorsätzlich schlecht gespielt, eher oft zu ängstlich. Emotionslos waren die Jungs gewiss nicht. Die Leute sollten einfach mal wieder daran denken, dass sie alle Spitzenmannschaften Deutschlands in Sinsheim zu sehen bekommen. Wir haben in Hoffenheim nie angestrebt, deutscher Meister zu werden. Das Besondere ist doch, dass es hier in der Region Bundesliga gibt! Dass wir als Verein distanziert erscheinen, hat auch mit den Standards der Bundesliga zu tun. Wir können und dürfen nicht mehr die gleiche Nähe demonstrieren, wie zu Oberligazeiten. Dafür bieten wir sportlich weit mehr. Dennoch nehmen wir das Thema sehr ernst, stehen mit den Fans hier in ständigem Austausch und sind gewillt, das, soweit machbar, zu verbessern.
Es gibt Stimmen in der Bundesligaszene, die sagen, Sie müssten sich als großzügiger Mäzen mehr öffentlich zurücknehmen und Ihre Geschäftsführer vorneweg marschieren lassen. Sind Sie vielleicht schlicht und einfach der größte Fan der TSG 1899?
In den ersten drei Jahren Bundesliga habe ich mich zu sehr zurückgenommen und mich nicht ausreichend darum gekümmert, was mit meinem Geld passiert. Das musste sich ändern und hat sich geändert. Ich habe als Gesellschafter und Beiratsvorsitzender eine Funktion inne, die es mir auferlegt, Einfluss zu nehmen. Und ich sehe, dass es möglich ist, dass die TSG auf eigenen Füßen stehen kann und wohl in absehbarer Zeit kein weiteres Kapital von mir braucht. Das war immer mein Ziel, aber scheinbar hat das niemand ernst genommen, wobei Financial Fairplay genau dieses verlangt. Wir haben tüchtige Geschäftsführer, die das operative Geschäft hervorragend machen und ich bin überzeugt, dass kein Bundesligist ein so transparentes Rechnungswesen hat wie die TSG. Aber die Geschäftsführer arbeiten nun mal nach den Weisungen der Gesellschafter, das können wir in Hoffenheim nicht ändern.
Andere wie Gerhard Mayer-Vorfelder regten im SWR-Fernsehen an, Sie sollten nicht aus der "zweiten Reihe" agieren, sondern eine verantwortungsvolle Position im Verein übernehmen. Warum tun bzw. wollen Sie das nicht?
Ich will es nochmal klarstellen: Als Beiratsvorsitzender und Gesellschafter habe ich sehr wohl eine verantwortungsvolle Position, wie zuvor gesagt, die ich auch ernst nehme und ausfülle. Dass Clemens Toennies bei Schalke 04 eine ähnliche Position hat, weiß jeder. Offensichtlich war ich bisher zu defensiv, sonst wüssten das zumindest die Medien. Aber das soll nicht bedrohlich klingen, ich muss niemandem mehr etwas beweisen, aber ich werde weiter dafür sorgen, dass die TSG wirtschaftlich solide dasteht.
Manchmal reagieren Sie empfindlich auf Kritik. Haben Sie selbst und möglicherweise die Verantwortungsträger im Verein unterschätzt, dass die Bundesliga als Bestandteil unserer Unterhaltungs- und Eventgesellschaft täglich und facettenreich im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht? Oder spitzer formuliert: Wem die Küche zu heiß ist, der darf kein Koch werden ...
Ich reagiere nicht empfindlich auf Kritik, wenn sie nicht unter die Gürtellinie geht. Aber ich argumentiere gegen Kritik, wenn ich sie für nicht gerechtfertigt halte und das vertragen viele nicht, weil sie wohl denken, man muss Kritik unwidersprochen einstecken. Und im Übrigen ist mir die Aussage zu pauschal. Machen wir es doch lieber an einem konkreten Beispiel fest. Etwa die Schallaffäre - mit Kritik hatte dies nichts mehr zu tun, es waren heftige Anschuldigungen, ohne dass die Hintergründe geklärt waren - absolut unüblich in einem Rechtsstaat. Es hat sich ja herausgestellt, dass es weder Affäre noch Skandal war, aber die Medien monierten u.a. unsere Kritik-Unfähigkeit.
Zur neuen Mannschaft: Welche Zielvorgabe halten Sie angesichts der Neuzugänge für realistisch?
Platz sechs halte ich 2012/2013 für möglich. Ich bin allerdings auch zufrieden, wenn wir auf Rang sieben oder acht landen. Ich habe nur einen dringenden Wunsch: Von den Abstiegsplätzen sollten wir immer weit entfernt sein!
Wird der Budgetrahmen ausgebaut?
Wie vorhin erwähnt: Wir bewegen uns zwischen 30 und 33 Millionen Euro, daran wird sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Es sei denn, wir finden Sponsoren, die uns mit Geld überschütten. Nach Meinung von Insidern wird das Financial Fairplay kommen, obwohl einige darüber lächeln. Viele Vereine warten jetzt mal ab, wie das die Uefa genau praktizieren und anpacken wird, aber dann kann es schon zu spät sein, zumindest für die hoch verschuldeten ausländischen Vereine. Wir haben schon vor eineinhalb Jahren die Weichen gestellt.
Eine Beratungsagentur hat inzwischen ein halbes Dutzend Spieler bei Hoffe unter Vertrag. Droht da nicht die Gefahr der zu großen Einflussnahme bei der Spielbetriebs-GmbH?
Gegenfrage: Wo liegt die Grenze? Im Moment sind es vier Spieler im Lizenzspielerbereich. Und wenn Sie in der Bundesliga recherchieren, werden Sie feststellen, dass dies keine ungewöhnliche Zahl ist. Andere Berater haben bis zu sieben Profis bei einem Klub untergebracht. Grundsätzlich sehe ich aber ohnehin keine Gefahr, weil ich den Inhaber der Agentur (Anm. der Red.: Roger Wittmann) und seine Ziele kenne und mit ihm befreundet bin.
Die Förderung des Nachwuchses liegt Ihnen am Herzen, doch die A-Junioren konnten sich zuletzt in der Bundesliga gerade noch retten ...
Es gab Stimmen aus den eigenen Reihen vor Beginn der letzten Saison, die glaubten, dass unsere A-Junioren um die deutsche Meisterschaft mitspielen werden. Es kam ganz anders und gottlob wurde der Abstieg in letzter Sekunde vermieden. Ich glaube nun an eine weit bessere Saison. Insbesondere bei der U 17 kommt was nach und die U 15 ist süddeutscher Meister geworden. Das lässt hoffen! Mit Niklas Süle haben wir einen richtig guten Nachwuchsmann, den Markus Babbel schon zum Profitraining dazu genommen hat. Das ist ein echter Abwehrhüne - er erinnert mich an Jerome Boateng.
Wann sieht man wieder mal Eigengewächse bei den 1899-Profis?
Wir brauchen Geduld. Süle habe ich genannt - und im Bereich der U 15 haben wir schließlich jede Menge Nationalspieler. Bei der U 19 hat Thomas Krücken die Aufgabe von Alfons Higl übernommen. Babbel hält große Stücke auf ihn, sie haben beide gemeinsam die Trainerausbildung gemacht und werden in naher Zukunft eng zusammenarbeiten.